Was geschieht, wenn eine künstliche Intelligenz kulturelle Vorstellungen in Bilder übersetzt? Dieser Frage ging Prof. Dr. Maja Jerrentrup vom Studiengang Neue Medien und Interkulturelle Medien der Fakultät GKM während eines Forschungsaufenthalts an der Universidad del Atlántico im kolumbianischen Barranquilla nach. Gemeinsam mit den Studierenden vor Ort untersuchte sie, wie generative KI kulturell geprägte Vorstellungen verarbeitet und welche Unterschiede zwischen menschlicher Bedeutung und maschineller Bildproduktion sichtbar werden.
„Barranquilla an der kolumbianischen Atlantikküste gilt als Zentrum kultureller Vielfalt sowie einer lebendigen Kunst- und Musikszene. Die Universidad del Atlántico bietet dafür ein besonderes Umfeld“, erklärt Jerrentrup, „insbesondere die Facultad de Bellas Artes mit ihren Ateliers, Fotolaboren, Ausstellungsräumen und musealen Einrichtungen verbindet Forschung und künstlerische Praxis auf engem Raum.“
Internationale Zusammenarbeit zu KI und Bildproduktion
Neben ihrer eigenen Forschung führte Jerrentrup gemeinsam mit ihrer Kollegin Prof. Dr. Andrea Sunder-Plassmann, Lehrbeauftragte im Studiengang Neue Medien und Interkulturelle Kommunikation, Workshops und Vorträge zum Thema KI und Inszenierung durch. Im Mittelpunkt ihres Projekts stand jedoch die Frage: Was geschieht, wenn künstliche Intelligenz kulturelle Vorstellungen in Bilder übersetzt?
Dafür arbeiteten Studierende mit Bildgeneratoren und erhielten die Aufgabe, persönlich oder kulturell bedeutsame Vorstellungen in KI-generierte Bilder zu übersetzen. Während des Entstehungsprozesses setzten die Forscherinnen auf die Methode des „lauten Denkens“: Die Teilnehmenden beschrieben kontinuierlich ihre Gedanken, Erwartungen und Reaktionen auf die erzeugten Bilder. Dadurch wurde nachvollziehbar, wie die Interaktion zwischen menschlicher Vorstellung und maschineller Bildproduktion verläuft.
Wenn kulturelle Bedeutungen verloren gehen
Besonders deutlich wurden kulturelle Missverständnisse bei einer Studentin, die sich mit geflochtenen Frisuren und Cornrows beschäftigte. In ihrer Vorstellung standen diese für historische Fluchtrouten versklavter Menschen und damit für ein wichtiges kulturelles Erinnerungswissen. Die generierte Bildwelt wich jedoch deutlich davon ab: Statt schwarzer Frauen produzierte die KI zunächst weiße Frauen und ersetzte die Idee der Fluchtwege durch dekorative Landkarten-Tattoos. Auch andere Studierende stellten fest, dass Orte, Erinnerungen oder Stimmungen, die für sie eng mit ihrer eigenen Lebenswelt verbunden waren, von der KI teilweise anders interpretiert oder gar nicht erkannt wurden.
„Mich interessiert besonders, was passiert, wenn die Maschine eine kulturelle Vorstellung nicht abbildet, sondern verändert“, erklärt Professorin Maja Jerrentrup. „Gerade diese Abweichungen machen sichtbar, welche Bedeutungen für Menschen selbstverständlich sind, für ein KI-System jedoch nicht.“
KI als Gegenüber statt als Werkzeug
Für die Forschung waren daher gerade diese Irritationen von besonderem Interesse. Die KI wurde nicht lediglich als technisches Werkzeug betrachtet, das eine Bildidee möglichst präzise umsetzt. Vielmehr entwickelte sie sich im Forschungsprozess zu einer Art Gegenüber, mit dem die Studierenden in einen Dialog traten. Die erzeugten Bilder machten es notwendig, eigene Vorstellungen zu überprüfen, neu zu formulieren und kulturelle Annahmen bewusst zu reflektieren. „Unsere Arbeit zeigt, dass Bilder weit mehr transportieren als sichtbare Motive“, so Jerrentrup. „Sie tragen Erinnerungen, Erfahrungen und kulturelle Bedeutungen in sich. Genau dort stoßen heutige KI-Systeme häufig an Grenzen.“
Von der digitalen Bildwelt in den öffentlichen Raum
Um die Untersuchung nicht ausschließlich auf KI-generierte Bilder zu beschränken, ergänzten die beiden Professorinnen die Arbeit durch Exkursionen nach Cartagena und Puerto Colombia. Dort dokumentierten die Studierenden Orte, Menschen und kulturell prägende Motive fotografisch und reflektierten anschließend, wie diese Eindrücke in digitalen und KI-basierten Bildwelten dargestellt werden. Die Exkursionen machten deutlich, dass kulturelle Identität nicht aus einzelnen Bildbestandteilen besteht. Sie entsteht vielmehr aus Erfahrungen, persönlichen Erinnerungen und gesellschaftlichen Zusammenhängen, die sich nur begrenzt in maschinell erzeugte Bilder übertragen lassen.
Transkulturelle Perspektiven auf die KI-Forschung
Der Forschungsaufenthalt knüpft an die langjährige Arbeit von Professorin Maja Jerrentrup zu visueller Kultur, transkulturellen Bildwelten und digitalen Bildtechnologien an. „Gerade der Vergleich unterschiedlicher kultureller Kontexte eröffnet neue Perspektiven auf die Frage, wie generative KI Bilder erzeugt und welche kulturellen Annahmen dabei in die Systeme einfließen“, erläutert Jerrentrup. Die Forschung in Barranquilla verbindet kulturwissenschaftliche Fragestellungen, künstlerische Praxis und technologische Entwicklungen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht nur die Frage, welche Bilder eine Maschine erzeugen kann. Entscheidend ist auch, was Menschen über ihre eigenen kulturellen Vorstellungen lernen, wenn die Maschine diese anders interpretiert als erwartet.
Foto(s): Prof. Dr. Maja Jerrentrup










