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Warum unsere Demokratie Zivilgesellschaft braucht

Politikwissenschaftler Dr. Rupert Graf Strachwitz zu Gast an unserer Hochschule

Unsere Gesellschaft lässt sich mit einem dreibeinigen Hocker vergleichen: Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft tragen gemeinsam zu ihrer Stabilität bei. Mit diesem Bild verdeutlichte Dr. Rupert Graf Strachwitz bei einer Gastvorlesung an der Hochschule Landshut, warum die Zivilgesellschaft weit mehr ist als ehrenamtliche Hilfe. Sie umfasst Vereine, Stiftungen, Bürgerinitiativen und andere Zusammenschlüsse, in denen sich Menschen freiwillig für gemeinsame Anliegen einsetzen und das gesellschaftliche Zusammenleben mitgestalten.

Am 23. Oktober war der Politikwissenschaftler und Historiker, der von 1997 bis 2023 das Maecenata Institut für Philanthropie und Zivilgesellschaft, eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung, geleitet hatte, zu Gast im interdisziplinären Masterstudiengang Nachhaltigkeit und Transformation. Eingeladen hatte ihn Prof. Dr. Christof Westerhoven, der ihn als „Koryphäe der Zivilgesellschaftsforschung“ begrüßte. Im Modul „Zivilgesellschaft und politische Prozesse“ führte Strachwitz zunächst in die wissenschaftlichen Grundlagen ein und ordnete anschließend aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ein. 

Engagement verändert seine Formen
„Der Lebenszyklus eines Vereins ist endlich.“ Mit dieser Feststellung begegnete Strachwitz einer Frage, die viele Vereine beschäftigt: Warum finden sich immer weniger Menschen, die ein Vorstandsamt übernehmen oder sich langfristig an eine Organisation binden möchten? Für Strachwitz bedeutet das nicht zwangsläufig, dass gesellschaftliches Engagement an Bedeutung verliert. Vielmehr verändern sich die Formen, in denen Menschen sich engagieren.

Traditionelle Vereine seien keineswegs überflüssig. Auch Schützenvereine, über die mitunter gelächelt werde, leisteten einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Allerdings wollten sich Menschen heute nicht mehr unbedingt ein Leben lang an einen Verein binden. Stattdessen gewinne die „spontane Zivilgesellschaft“ an Bedeutung: Menschen schließen sich für konkrete Anliegen zusammen, engagieren sich zeitlich begrenzt oder organisieren sich außerhalb klassischer Vereinsstrukturen.

Dass Engagement nicht an eine formale Mitgliedschaft gebunden sein muss, zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Laut ZiviZ-Survey 2023 haben 30 Prozent der befragten zivilgesellschaftlichen Organisationen freiwillig Engagierte, die keine Mitglieder sind. Zehn Jahre zuvor waren es 21 Prozent. Insgesamt engagieren sich in Deutschland laut dem Deutschen Freiwilligensurvey 2024 rund 27 Millionen Menschen.

Warum Demokratie Zivilgesellschaft braucht
Neben dem Wandel des Engagements beschäftigte sich Strachwitz mit der politischen Bedeutung der Zivilgesellschaft. Sie ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe, vertritt Interessen und begleitet politische Entscheidungen kritisch. Angesichts der weltweiten Bedrohung demokratischer Strukturen gewinne diese Funktion zunehmend an Bedeutung. Laut dem Demokratiebericht des V-Dem-Instituts von 2026 lebten Ende 2025 nur noch 26 Prozent der Weltbevölkerung in Demokratien.

Strachwitz stellte dabei eine grundsätzliche Frage: Reicht es, bei der Verteidigung unserer Demokratie vor allem die Funktionsfähigkeit staatlicher Institutionen zu sichern? Oder müssen nicht ebenso die Möglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger zur demokratischen Mitgestaltung geschützt werden?

Zwischen politischem Einfluss und Unabhängigkeit
Auch in Deutschland beobachtet Strachwitz Spannungen zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Dabei gehe es nicht zuletzt um Macht und Einfluss. Unabhängige Organisationen, die politische Entscheidungen kritisch begleiten, würden von Teilen der Politik auch als Konkurrenz wahrgenommen.

Als Beispiel führte er mehrfach eine Kleine Anfrage der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vom Februar 2025 an. Darin stellte die Fraktion 551 Fragen zur politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen. Strachwitz kritisierte das Vorgehen und verwies auf die Bedeutung einer unabhängigen Zivilgesellschaft für die Verteidigung demokratischer Grundsätze.

Auch staatliche Fördermittel könnten jedoch Abhängigkeiten schaffen und Organisationen davon abhalten, politische Entscheidungen offen zu hinterfragen. Hinzu kämen bürokratische Anforderungen, die insbesondere ehrenamtlich geführte Organisationen belasteten. Strachwitz plädierte deshalb dafür, Abhängigkeiten zu reduzieren und die Eigenständigkeit zivilgesellschaftlicher Akteure zu stärken.

Aktuelle gesellschaftliche Fragen im Studium
Wie eng diese Themen mit aktuellen Entwicklungen verbunden sind, zeigte sich in den Nachfragen der Studierenden. Besonders beschäftigte sie, wie unabhängig staatlich geförderte Organisationen tatsächlich handeln können. Auch die aktuellen gewaltsamen Proteste in Frankreich kamen zur Sprache. Strachwitz betonte dabei, dass der Begriff Zivilgesellschaft nicht grundsätzlich positiv bewertet werden dürfe.

Warum Menschen dennoch bereit sind, ihre Zeit und Fähigkeiten für andere einzusetzen, erklärte Strachwitz mit dem aus der Forschung bekannten Begriff ‚warm glow‘ (warmes Leuchten): “Wer der Gesellschaft etwas schenke, erfahre dadurch auch selbst persönliche Erfüllung. Dafür braucht es nicht unbedingt einen Vereinsausweis oder ein festes Amt. Manchmal reicht es, wenn Menschen zusammenkommen und gemeinsam etwas bewegen wollen.

Fotos: Hochschule Landshut
(Frei zur Verwendung bei Angabe der Quelle)

Bild 1: Dr. Rupert Graf Strachwitz erläuterte an der Hochschule Landshut, wie sich gesellschaftliches Engagement verändert und welche Bedeutung die Zivilgesellschaft für die Demokratie hat.
Bild 2: Wissenschaft trifft auf aktuelle gesellschaftliche Fragen: Im Masterstudiengang Nachhaltigkeit und Transformation beschäftigten sich die Studierenden mit der Zukunft des Ehrenamts und dem Verhältnis zwischen Staat und Zivilgesellschaft.