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Vom Wartesemester zum Dr.-Ing.: Sebastian Berndls Weg in die elektrische Luftfahrt

Hinter Sebastian Berndl ist die Wand noch weiß. Kein Bild, kein Regal. Seit wenigen Tagen lebt er in Cottbus, hier arbeitet er jetzt beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Das Interview führen wir per Videocall aus seinem neuen Büro. Zu Hause gibt es noch kein Internet, einige Umzugskartons stehen unausgepackt in der Ecke.

Ob er sich schon eingelebt habe? Er lächelt. Wer in Malaysia, Taiwan, Kenia und Indien gearbeitet habe, finde sich auch in Brandenburg zurecht, sagt er.

Schule, Studium, Promotion, ein guter Job: was heute nach geradliniger Karriere klingt, war keine. Und genau das macht seine Geschichte interessant für alle, die gerade vor der Entscheidung für ein Studium stehen.

Von der Werkhalle ins Hörsaalgebäude

Sebastian wächst in der Nähe von Landshut auf. Sein Vater ist Technischer-Betriebsleiter in einem Kieswerk. Technik spielt in seiner Familie also von Anfang an eine große Rolle. Schon als Schüler macht er ein Praktikum als Industriemechaniker. Während des Praktikums wird er vom Ausbilder zu den Elektronikern versetzt und bleibt dieser Fachrichtung von nun an treu.
Nach der Realschule beginnt er eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik im BMW-Werk Landshut. Strom, Schaltpläne und die Fehlersuche an Anlagen sind konkrete Praxis, welche durch den praxisnahen Unterricht in der Berufsschule ergänzt wird.

Doch er will tiefer einsteigen und genau verstehen, wie Dinge funktionieren. Er geht auf die Berufsoberschule, macht die Fachhochschulreife und schreibt sich anschließend an der Hochschule Landshut ein. Er beginnt den Bachelorstudiengang Elektro- und Informationstechnik an der Fakultät Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen (ET/WI).

Warum hat er sich für die Hochschule Landshut entschieden? „Meine Freunde sind auch dorthin gegangen“, sagt er.

Er merkt allerdings schnell, dass die Hochschule Landshut noch weitere Gründe bietet, die ihm das Studium angenehm machen. Denn was er dort findet, ist mehr als nur ein Studienplatz. Kleine Gruppen, direkter Kontakt zu den Professorinnen und Professoren, praxisnahe Laborpraktika. Wer eine Frage hat, klopft an. Wer eine Idee hat, kann sie ausprobieren. „Genau diese persönliche Nähe war für mich rückblickend entscheidend“, erklärt er. 

Rückschläge, die tragen

Im Studium läuft nicht alles glatt. Er besteht eine Prüfung nicht, er muss ein Wartesemester einlegen. Ein paar Semester später noch einmal. Für viele wäre das ein Bruch im Lebenslauf, ein Grund aufzuhören. Für Sebastian wird es eine Abzweigung.

Während des ersten Wartesemesters geht er als Volontär nach Kenia und unterrichtet dort Elektrik und Karate an der Busara School in Ukunda. Den schwarzen Gürtel trägt er schon lange. Technik verständlich zu erklären, erlebt er dort aus einer neuen Perspektive.

Ein zweites Wartesemester steht an. Nun arbeitet Sebastian in Indien bei einem Unternehmen, das zu dieser Zeit eine neue Abteilung für LED-Beleuchtung aufbaut. Er bekommt ein Projekt in dem ein Solarsystem für Dörfer ohne Stromversorgung entwickelt werden soll. Seine Ausbildung zahlt sich aus. Er kann sofort mitarbeiten und seine Expertise einbringen. Das elektrische Grundversorgungssystem wurde ausgelegt und die Gegebenheiten an möglichen Einsatzorten erkundet. Leider wurde das Projekt am Ende aus Zeitgründen nicht praktisch umgesetzt, jedoch dem Rotary Club of Bombay vorgestellt und sehr positiv bewertet. 

Zurück in Landshut besteht er dann die Prüfungen. Eine davon mit der Note 1,0.
„Aus Frustration wird bei mir Motivation“, sagt er heute.

Was ihm geholfen hat? Lerngruppen, Tutorien, der Austausch mit Kommilitonen. Und Lehrende, die zeigen, worauf es ankommt. Gerade in Mathematik und Informatik müsse man durchhalten. Die Grundlagen seien anspruchsvoll, aber unverzichtbar. „Danach versteht man, warum man sich da durchgekämpft hat.“

Die Welt als Hörsaal

Für seine Bachelorarbeit geht Sebastian ins Ausland, nach Malaysia. Dort arbeitet er bei OSRAM OS an einem Messsystem zur thermischen Charakterisierung von LEDs. Die Hauptaufgabe bestand darin das Messsystem, zusammen mit den verschiedenen Herstellern, aufzubauen und für den Betrieb zu qualifizieren. Er untersucht, wie sich LEDs entwärmen und wie das Messystem verbessert werden könnte. Messtechnik und Messsysteme werden von nun an zu einem roten Faden in seinem Lebenslauf.

Später zieht es ihn für den Master an die National Taiwan University. Dort studiert er Photonik und Optoelektronik und forscht an Perowskit-Solarzellen, einer vielversprechenden Alternative zu klassischen Siliziumsolarzellen. Er untersucht, die zeitliche und thermische Stabilität dieser Solarzellen und entwickelt dafür ein eignes Messsystem mit Tieftemperaturkühlung und Vakuummesskammer. 

Dass er mehrfach ins Ausland geht, ist in technischen Studiengängen nicht selbstverständlich. Viele bleiben während des gesamten Studiums an einem Ort. Sebastian sieht darin eine verpasste Chance. „Gerade im technischen Bereich sollte man die Möglichkeit nutzen“, betont er.

Respekt vor Englisch hatte er anfangs durchaus. Präsentationen, Fachgespräche, wissenschaftliche Texte – alles in einer fremden Sprache. „Am Anfang war das Überwindung.“ Doch mit jedem Projekt wächst die Sicherheit. 

Was bleibt, sind internationale Kontakte und das Vertrauen, sich auch in unbekannten Situationen zurechtzufinden. Man müsse nicht alles schon können, sagt er. Man lerne es unterwegs.

Eine neue Generation von Elektromotoren

Zurück in Landshut erfährt er von einem Kommilitonen von einer freien Stelle bei Prof. Dr. Alexander Kleimaier. Das ist die Möglichkeit für Sebastian zu promovieren. Er bewirbt sich und wird wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fakultät ET/WI. Die Promotion erfolgt kooperativ mit der Technischen Universität München.

Im Zentrum seiner Forschung steht eine sogenannte Axialflussmaschine. Das ist ein Elektromotor, bei dem das Magnetfeld parallel zur Drehachse verläuft. Im Vergleich zu herkömmlichen Motoren sind solche Maschinen flacher gebaut. Gerade für Propellerantriebe in der Luftfahrt ist das ein Vorteil, weil Bauraum und Gewicht dort entscheidend sind.

Sebastians Ziel ist es, diese Maschine weiterzuentwickeln. Er miniaturisiert das Motorkonzept, erreicht somit eine größere Leistung pro Gewicht bei deutlich geringerem Bauraum. Gleichzeitig optimiert er die Kühlung und untersucht das Verhalten der Maschine in Simulation und Experiment.
Was nur theoretisch relevant klingt, hat durchaus praktische Bedeutung: Wenn Elektromotoren kompakter werden, lassen sie sich besser in Flugzeugstrukturen integrieren. Das ist ein Baustein auf dem Weg zu elektrifizierten Antrieben.

Prof. Kleimaier ordnet die Leistung so ein: „Sich in so kurzer Zeit in ein hochanspruchsvolles Thema einzuarbeiten und eine neuartige Elektromaschine komplett auszulegen und aufzubauen, ist wirklich eine respektable Leistung. Super, dass Sebastian an der TU München mit magna cum laude abgeschlossen hat.“

Die enge Betreuung, die technische Ausstattung der Labore und der fachliche Austausch an der Fakultät bilden für Sebastian das Fundament seiner wissenschaftlichen Arbeit.

Die letzten Kilometer

Eine Promotion ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Entscheidend ist nicht das Tempo am Anfang, sondern die Ausdauer bis zum Schluss. Ende 2022 läuft Sebastians befristete Stelle aus. Er organisiert seine Arbeit eigenständig, betreibt Literaturrecherche, wertet Daten aus und bringt seine Ergebnisse in eine klare Form. Die Verbindung zur Fakultät ET/WI bleibt eng. Prof. Kleimaier begleitet ihn weiterhin fachlich, steht für Rückfragen zur Verfügung. Somit konnten die Simulationen anhand der zuvor gesammelten Messergebnisse validiert werden. 

Wie bei einem Marathon sind die letzten Kilometer die anspruchsvollsten. Doch gerade dort zeigt sich, wer sein Tempo kennt und durchhält. Am 19. Dezember 2025 überschreitet Sebastian die Ziellinie – Promotion mit magna cum laude. 

Forschung für die Luftfahrt von morgen

Seit Januar 2026 arbeitet Sebastian am Institut für Elektrifizierte Luftfahrtantriebe des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Cottbus. Dort entsteht in einer rund 13.000 Quadratmeter großen Halle eine Versuchsumgebung für Antriebskomponenten elektrischer und hybridelektrischer Flugzeugantriebe. In dieser Halle sollen komplette Antriebssysteme getestet werden: Elektromotoren, Leistungselektronik, Batteriesysteme, Brennstoffzellen und Kühlsysteme. Ziel ist es, Flugzeugantriebe effizienter und perspektivisch klimafreundlicher zu gestalten. Gut ausgebildete Elektrotechnikerinnen und Elektrotechniker mit praktischer Erfahrung werden hier dringend gesucht.

Sebastian ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Versuchsingenieur beteiligt. Er arbeitet an der Planung, der Weiterentwicklung und dem Betrieb der Prüfstände und führt Tests an elektrischen Antrieben und weiteren Komponenten des elektrischen Antriebssystems durch. Perspektivisch wird er auch an Themen zur elektro-magnetischen Verträglichkeit und an Elektromotoren-Themen mitarbeiten. Seine Erfahrung aus Ausbildung, Studium und Promotion fließt nun in großtechnische Anwendungen ein.

Sebastian Berndl hat keinen geradlinigen Lebenslauf – aber einen interessanten! Er hat auch mal eine Prüfung nicht bestanden, dafür hat er durchgehalten und viel für sein zukünftiges Leben gelernt. Er hat die Wartesemester aktiv genutzt, statt sie als Stillstand zu sehen. Am Ende hat er seine Dissertation mit Auszeichnung abgeschlossen.

Sein Weg zeigt, was möglich ist, wenn Praxis, Neugier und Ausdauer zusammenkommen. Die Fakultät Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen der Hochschule Landshut war für ihn dabei nicht nur Studienort, sondern Fundament. Hier hat er gelernt, Probleme zu analysieren, Lösungen zu entwickeln und dranzubleiben, wenn es schwierig wird.

Die Wand hinter ihm in Cottbus ist noch leer. Aber er gehört nicht zu denen, die lange vor einer leeren Fläche stehen bleiben.

Foto 1:  An seinem neuen Arbeitsplatz: Sebastian Berndl in der Versuchshalle für elektrifizierte Luftfahrtantriebe in Cottbus. (Quelle: DLR Cottbus)

Fotos 2-4: Sebastian Berndl
(Frei zur Verwendung bei Angabe der Quelle)

Foto 2: Praxis im Ausland: In Indien arbeitet Sebastian Berndl an Solarlösungen für Dörfer ohne Stromversorgung.
Foto 3: Sebastian Berndl während seines Aufenthalts in Kenia, wo er Jugendliche in Elektrik und Karate unterrichtete.
Foto 4: Forschung im Reinraum: Sebastian Berndl am Industrial Technology Research Institute (ITRI) in Taiwan.