Die Hochschule Landshut und die HAW Kiel starten ein dreijähriges Verbundprojekt zur Zusammenarbeit und zu den Arbeitsbedingungen in der Altenpflege in ländlichen Regionen. Im Mittelpunkt steht die Frage: Wie können Pflegeteams Diskriminierung ab- und eine solidarische Zusammenarbeit aufbauen?
Der Fachkräftemangel in der Altenpflege ist gravierend – und er trifft ländliche Regionen besonders hart. Bereits heute stabilisieren migrantische Pflegekräfte die Branche: Etwa ein Sechstel der Beschäftigten hat eine Migrationsbiografie. Gleichzeitig erleben viele von ihnen rassistische Diskriminierung im Arbeitsalltag – ein Faktor, der dazu beiträgt, dass sie die Branche verlassen. Das Forschungsprojekt „ZuPer“ – kurz für „Altenpflege in der Migrationsgesellschaft: Zusammenhalt und Perspektiven guter (Zusammen-)Arbeit“ – nimmt genau diesen Zusammenhang in den Blick.
Prof.in Dr.in Monique Ritter (Hochschule Landshut) und Prof. Dr. Serhat Yalçın (HAW Kiel) untersuchen gemeinsam mit Pflegekräften, unter welchen Bedingungen eine diskriminierungsarme und solidarische Zusammenarbeit in der Altenpflege möglich ist. Dabei arbeiten sie eng mit Pflegeeinrichtungen in Sachsen und Hessen sowie dem Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) zusammen. Das KDA verfügt über ein bundesweites Netzwerk von rund 300 Einrichtungen der Langzeitpflege.
Diskriminierung im Arbeitsalltag weit verbreitet
Ritter und Yalçın, die zu Migration, Arbeit und betrieblicher Mitbestimmung forschen, haben in früheren Projekten festgestellt, dass migrantische Pflegekräfte häufig von Formen betrieblicher Mitbestimmung ausgeschlossen sind, obwohl gerade Mitbestimmung dazu beitragen könnte, Diskriminierung im Arbeitsalltag entgegenzuwirken. „Wir wissen aus bisherigen Untersuchungen, dass migrantische Pflegekräfte rassistische Diskriminierungen erleben – von abwertenden Kommentaren bis hin zum bewussten Ausschluss aus Entscheidungsprozessen", betont Ritter. „Das gefährdet nicht nur ihre Gesundheit, sondern treibt viele aus dem Beruf."
Rassismuskritisch statt interkulturell
Die Forscherinnen und Forscher verfolgen einen rassismuskritischen Ansatz. Bisherige Konzepte, die auf „interkulturelle Kompetenz" setzen oder von „kulturellen Missverständnissen“ ausgehen, greifen aus ihrer Sicht zu kurz. „Wir wollen wissen, wie in dem hochverdichteten Arbeitsfeld Pflege Ausschluss entsteht und wie eine Solidarisierung tatsächlich funktionieren könnte“, erklärt Yalçın. „Wir nehmen strukturelle Ausschlussmechanismen in den Blick: Wer hat das Sagen? Wessen Stimme wird gehört oder nicht gehört? Wie formen ökonomische Zwänge und rassistische Wissensbestände den Arbeitsalltag?“
Ost-West-Vergleich und ländlicher Raum
Das Projektteam konzentriert sich auf zwei Regionen: den Landkreis Görlitz in Sachsen und den Werra-Meißner-Kreis in Hessen. In beiden Regionen ist das Durchschnittsalter im jeweiligen Bundesland am höchsten; beide Regionen sind von einer anhaltenden Abwanderung junger Arbeitskräfte betroffen. Der Ost-West-Vergleich erlaubt den Forschenden, historisch gewachsene Unterschiede in Demokratie- und Migrationspraxen zu berücksichtigen.
Transfer: Der „GemeinsamSolidarisch-Wegweiser“
Zum Abschluss des Projekts möchten Ritter und Yalçın die Ergebnisse in einem interaktiven „GemeinsamSolidarisch-Wegweiser“ aufbereiten, um Pflegeeinrichtungen bundesweit eine konkrete Orientierung für eine diskriminierungsarme und mitbestimmungsorientierte Arbeitskultur zu geben. Entwickelt wird er in enger Kooperation mit dem Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA). Ergänzt durch Publikationen, wissenschaftliche Vorträge, Workshops und Schulungsformate soll der Wegweiser nicht nur für Pflegeeinrichtungen, sondern auch für Ausbildungsprogramme und andere migrantisch geprägte Arbeitsfelder nutzbar sein.
„Wir können mit einem Forschungsprojekt keine Strukturen auf einen Schlag verändern. Aber wir können belastbare Erkenntnisse schaffen, konkrete Impulse setzen und zeigen, was möglich ist, wenn Pflegekräfte ernst genommen werden“, ist Ritter überzeugt. Und Yalçın ergänzt: „Pflegekräfte mit und ohne Migrationsbiografie bringen enorm viel mit – Engagement, Erfahrung, Durchhaltevermögen. Was ihnen häufig fehlt, sind Strukturen, die das anerkennen und schützen. Genau das wollen wir mit dem Projekt in den Blick nehmen – gemeinsam mit den Menschen, die jeden Tag in den Einrichtungen arbeiten."
Hintergrund
Das Verbundprojekt „Altenpflege in der Migrationsgesellschaft: Zusammenhalt und Perspektiven guter (Zusammen-)Arbeit (ZuPer)“ wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im Rahmen des Programms HAW-ForschungsPraxis mit rund 1,3 Mio. € gefördert. Projektlaufzeit: 01. April 2026 bis 31. März 2029.
Projektleitungen: Prof.in Dr.in Monique Ritter und Prof. Dr. Serhat Yalçın
Verbundkoordination: HAW Kiel
Verbundpartner: Hochschule Landshut
Praxispartner sind zwei Pflegeeinrichtungen in Sachsen (Landkreis Görlitz) und Hessen (Werra-Meißner-Kreis) sowie das Kuratorium Deutsche Altershilfe Wilhelmine-Lübke-Stiftung e. V. (KDA), Berlin. Assoziierte Partner: ver.di, Empowerment für Diversität (Charité Berlin), Entwicklungsbüro Arbeit und Umwelt tamen, Werra-Meißner-Kreis, Prof.in Dr.in Nadine Jukschat (HSZG)
Kontakt
Hochschule Landshut, Fakultät Soziale Arbeit
Prof.in Dr.in Monique Ritter
E-Mail: monique.ritter@haw-landshut.de
HAW Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik
Prof. Dr. Serhat Yalçın
E-Mail: serhat.yalcin@haw-kiel.de
Foto Prof.in Dr.in Monique Ritter: Hochschule Landshut
Foto Prof. Dr. Serhat Yalçın: J. Brunn
(Frei zur Verwendung bei Angabe der Quelle)

