Ort – Raum – Mensch. Dieser Dreiklang ist mehr als nur ein Impulsgeber für Prof. Stefanie Seeholzer. Er ist die Grundlage ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit als neuberufene Professorin im Studiengang Architektur für die Bereiche Entwerfen, Städtebau und Regionalplanung. Wir freuen uns, dass das Team unseres noch jungen Studiengangs weiterwächst und heißen sie herzlich willkommen in der Professorenschaft an der Hochschule Landshut.
Welchen Weg sind Sie vom Studium bis zur Professur gegangen – was war dabei besonders prägend?
Wenn ich zurückblicke, dann kann ich sagen, dass es bei mir drei wesentliche Stationen auf meinem Weg vom Studium zur Professur gegeben hat:
Am Anfang stand die erste Bürogründung und Selbstständigkeit kurz nach meinem Architektur-Studium an der TU München im Jahr 2003. Mit unserem Architekturbüro „kunze seeholzer architekten“ planen und begleiten wir vor allem Hochbauprojekte und raumbildende Innenausbauten. Über 10 Jahre habe ich außerdem seit 2011 eine Lehr- und Forschungstätigkeit an der TU München ausgeübt. Zuerst im Fachgebiet Holzbau, dann am Lehrstuhl für Nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land. Darauf aufbauend folgte die zweite Bürogründung mit „ORTEgestalten“. Hier betreuen wir insbesondere Kommunen im ländlichen Raum und entwickeln mit den Menschen vor Ort zukunftsweisende Gesamtkonzepte für eine nachhaltige Ortsentwicklung.
Meine langjährige Lehr- und Forschungstätigkeit sowie die vielfältigen Erfahrungen in meiner beruflichen Praxis haben maßgeblich dazu beigetragen, dass sich in mir der Wunsch nach einer Hochschulprofessur entwickelt hat. Die Arbeit an der Hochschule bietet mir beste Möglichkeiten, gemeinsam mit den Studierenden wichtige Impulse für die Zukunft unserer Städte und Dörfer zu setzen! Ich schätze sehr den interdisziplinären Austausch und freue mich, meine Expertise auch in Bezug auf die Bedeutung der „Phase 0“ (Anm. d. Red.: Phase 0 beschreibt die strukturierte Vorbereitung oder Bedarfsplanung eines Bauvorhabens vor Beginn der eigentlichen Planung) an die nächste Generation weiterzugeben.
Welche Themen treiben Sie in Forschung und Lehre besonders an?
Für mich gibt es zwei Fragen, die mich besonders bewegen und bei denen der nachhaltige Umgang mit der Ressource Boden und ein kreislaufgerechtes Bauen eine zentrale Rolle spielt:
Wie gestalten bzw. erhalten wir attraktive Lebensräume für Mensch und Natur?
Wie können wir als Planerinnen und Planer, sowohl in der Stadt als auch im ländlichen Raum, durch unsere Arbeit entsprechende Impulse setzen?
Gerade in kleineren Gemeinden geht es immer wieder um die Frage, wie es gelingen kann, attraktive Treffpunkte für die unterschiedlichen Altersgruppen zu schaffen und Versorgungslücken zu schließen. In der Lehre versuche ich diese vielfältigen Themen einer nachhaltigen Ortsentwicklung anschaulich zu machen, indem die Studierenden eingeladen werden, konkrete Orte zu analysieren und mit realen Akteuren zusammenzuarbeiten. Was mich dabei antreibt, ist die Erkenntnis, dass konkrete Entwurfsthemen und Reallabore einen großen Mehrwert für die Studierenden bringen und wir gleichzeitig wichtige Impulse in der Region setzen.
Wie würden Sie Ihren Studiengang an eine Abschlussklasse „verkaufen“?
Wir entwerfen LebensRäume – nachhaltig, gestalterisch ansprechend und verantwortungsvoll – sowohl im städtischen Kontext wie im ländlichen Raum. Unser Studiengang Architektur verbindet planerisches Denken mit technischem und zugleich sozialem Verständnis. Das ist das Besondere bei uns. So bilden wir keine reinen Theoretiker und Theoretikerinnen aus, sondern Menschen, die für Menschen gestalten, aushandeln, vermitteln und umsetzen können.
Wie sieht für Sie gute Lehre aus?
Gute Lehre bedeutet für mich, die Studierenden über Wissensvermittlung und Dialog zu fördern und zu ermutigen. So befähigen wir sie, eigenständig Lösungen zu entwickeln und die jeweilige Entwurfsaufgabe ganzheitlich zu betrachten. Die Studierenden lernen hierzu bereits im Studium, mit realen Akteuren vor Ort zu diskutieren und ihre Ideen vor externem Publikum zu präsentieren.
Welche drei Aspekte machen für Sie den Reiz der Hochschule Landshut aus?
Erstens ist es ganz klar der enge Praxisbezug: Wir arbeiten hier nicht im stillen Kämmerchen der Hochschule, sondern gehen raus und bearbeiten konkrete Entwurfsaufgaben im Dialog mit Menschen in der Region. Zweitens schätze ich das Klima der Offenheit: Es gibt Raum für neue Ideen und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Und – drittens – die Lage: Landshut liegt zwischen Stadt und Land und ist deshalb geografisch wie inhaltlich der perfekte Ort für eine nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung.
Wenn Sie einen Tag lang mit Ihrem 20-jährigen Ich sprechen könnten – was würden Sie ihm raten?
Im Fachgebiet Architektur gibt es zahlreiche, spannende Betätigungsfelder! Vom raumbildenden Innenausbau, über klassische Hochbauprojekte bis hin zum Städtebau. Sei offen für Neues. Habe keine Angst vor Umwegen. Sie führen dich oft zu den besten Zielen. Und sei offen für einen interdisziplinären Austausch. Fang damit am besten bereits im Studium an!
Welche historische, fiktive oder noch lebende Persönlichkeit würden Sie gern zu einer Gastvorlesung einladen und warum?
Jane Jacobs. Sie war eine bedeutende Sachbuchautorin, Stadt- und Architekturkritikerin, die sich bereits in den 1950er/1960er Jahren auch als Aktivistin und durch ihre Publikationen für einen nachhaltigen Städtebau einsetzte. Und das zu einer Zeit, in der es in Mode war, ganze Quartiere abzureißen und durch Neubauten zu ersetzen.
Jane Jacobs hat gezeigt, dass gute Stadtplanung beim Menschen beginnt, nicht beim Plan. Ich würde mich gern mit ihr darüber unterhalten, wie ihre Ideen heute im Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen weitergedacht werden könnten, allerdings nicht nur im städtischen, sondern auch im ländlichen Raum!
Herzlich willkommen an der Hochschule Landshut und vielen Dank für das spannende Interview, Professor Seeholzer!
Foto: Hochschule Landshut
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