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Forschung im Fokus: Digitalisieren von Geschäftsprozessen in der Supply Chain ohne IT-Fachpersonal?

Forscher des TZ PULS setzten mithilfe verschiedener Low-Code-Tools eine einfache Systemlösung zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen im Supply Chain Management um. Low-Code-Plattformen sollen die Entwicklung von Softwarelösungen durch Fach- statt IT-Personal ermöglichen. Die Ergebnisse des Experiments wurden in der Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb veröffentlicht.

Was ist das beste Vorgehen für einen mittelständischen Betrieb, um die Prozesse in Produktion und Logistik neu zu gestalten? Mit u.a. dieser Fragestellung befassen sich die Forscher am TZ PULS im Rahmen des vom bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst geförderten Projekts Process Innovation Center (PR|IN|CE). Viele innovative Ideen zur Neugestaltung von Prozessen sind mit der Nutzung digitaler Technologien verknüpft, beispielsweise bei der autonomen Fahrzeugsteuerung, der Digitalisierung von Planungsprozessen, der Umsetzung von Industrie 4.0-Ansätzen oder dem Einsatz künstlicher Intelligenz. In einer explorativen Vorstudie bestätigten viele Unternehmen, dass nicht genügend IT-Fachkräfte zur Verfügung stehen, um diese Ideen umzusetzen. Eine Lösung hierzu bieten Low-Code-Entwicklungsplattformen. Diese sollen es IT-affinen Fachanwendern, sogenannten Citizen Developern [2], ermöglichen, eigene Softwarelösungen modellbasiert zu entwickeln und zu betreiben – und das ohne große Programmierkenntnisse [3].

Low-Code scheint jedoch bislang nicht in der Breite zur Digitalisierung von Geschäftsprozessen eingesetzt zu werden, was überrascht, da der IT-Fachkräftemangel als Hindernis für die Umsetzung innovativer Ideen genannt wird [1]. Daher führte die Arbeitsgruppe Low-Code des PRINCE-Projekts gemeinsam mit Prof. Dr. Studt, CIO der Hochschule Landshut, ein Experiment auf Basis eines fiktiven Unternehmens durch:

Um dem Bullwhip-Effekt1 entgegenzuwirken und eine bessere Koordination entlang der Lieferkette zu erzielen, wurde ein IT-Tool zur Unterstützung eines Sales & Operations Planning-Prozesses (S&OP) [4, 5] konzipiert. Dieses Tool soll den Teilprozess des Kapazitätsabgleichs mit Lieferanten vereinfachen, indem die relevanten Daten zentral und auswertbar bereitgestellt werden. Nach der Grobkonzeption wurden die Anforderungen an das Tool abgeleitet und in vier aufeinander aufbauende Stufen untergliedert. Anschließend nutzten die Forscher drei unterschiedliche Low-Code-Plattformen, um das Tool zu entwickeln. Dies erfolgte mit der Absicht, sie miteinander zu vergleichen und die jeweiligen Stärken und Schwächen herauszuarbeiten. Aus Zeitgründen war die Umsetzung aller Anforderungslevel jedoch nicht möglich. Nur mit einer bereits bekannten und am Institut eingesetzten Plattform konnten alle Anforderungen der ersten Stufe erfüllt werden. Mit den beiden zuvor unbekannten Plattformen konnten diese im vorgegebenen Zeitraum nicht vollumfänglich erreicht werden. 

Im Experiment zeigten sich die Stärke und zugleich die Schwäche der eingesetzten Plattformen: Sie bieten einen sehr großen Funktionsumfang in den vordefinierten und nutzbaren Modulbausteinen. Mit diesen wird z.B. der Informationsfluss in einem Geschäftsprozess abgebildet. Diese Modulbausteine können ohne Programmierkenntnisse genutzt werden, sofern keine individuellen Anpassungen erforderlich sind. Dazu sind in den Funktionsbausteinen allerdings umfangreiche Logiken und Einstellparameter integriert, wodurch die Komplexität der Plattformnutzung steigt. Dies führt zu einem sehr hohen Einarbeitungsaufwand. Dazu kommt, dass die Low-Code-Plattformen und die Modulbausteine in unregelmäßigen Abständen aktualisiert werden. 

Auf Basis des durchgeführten Experiments empfehlen die Forscher Unternehmen daher, IT- und relevante Fachabteilungen im Schulterschluss einen Plattformanbieter auszuwählen und das ausgewählte Personal darin zu qualifizieren. Dies ermöglicht auch, die Einhaltung von IT-Richtlinien einfacher abzusichern und die Softwareentwicklung im Unternehmen trotz einzelner Entwickler in Fachabteilungen besser zu koordinieren. Die Untersuchungsergebnisse zeigen aber auch auf, dass für das Programmieren einfacher IT-Tools im SCM-Kontext durch die Citizen Developer KI-Tools verwendet werden können.

Ob und inwiefern Fachanwender durch generative KI in die Lage versetzt werden können, eigene Softwarelösungen zu entwickeln, wird in den kommenden Wochen von der Arbeitsgruppe genauer beleuchtet. Die Arbeitsgruppe freut sich auf einen Erfahrungsaustausch mit Ihnen. Nehmen Sie gerne unverbindlich Kontakt mit uns auf: info@tz-puls.de.

Weitere Informationen

Eine detaillierte Beschreibung des Experiments und der Ergebnisse erschien im Dezember 2025 in der Zeitschrift für wirtschaftlichen Fabrikbetrieb (https://doi.org/10.1515/zwf-2025-1159).

Über die Forschergruppe

Wichtige Innovationstreiber der Produktionslogistik sind Digitalisierung und Automatisierung im Rahmen von Industrie 4.0. Die vierte industrielle Revolution bringt nicht nur große Veränderungen, sondern auch enorme Potenziale mit sich, die wir am TZ PULS erforschen und für Unternehmen nutzbar machen wollen.

Marion Lemke studierte Diplom-Wirtschaftsmathematik an der KU Eichstätt-Ingolstadt und verfügt über langjährige Industrieerfahrung aus verschiedenen Branchen. Seit 2020 ist sie Teil des PR|IN|CE-Teams.

Prof. Dr. Carsten Röh ist Professor für Automobilwirtschaft an der Hochschule Landshut und Gründungsprofessor und Beirat des TZ PULS sowie Gesellschafter und Prokurist des AN-Institutes Technologiezentrum Dingolfing Beratungs- und Schulungsgesellschaft mbH. Er ist Co-Autor des Standardwerkes Materialwirtschaft und Einkauf.

Lisa Schuler studierte Systemtechnik/techn. Kybernetik (B. Sc.) an der Otto-von-Guericke-Universität und Automatisierungstechnik (M. Sc.) an der RWTH Aachen. Seit 2020 ist sie Teil des PR|IN|CE-Teams.

Prof. Dr. Reimer Studt ist Chief Information Officer (CIO) der Hochschule Landshut und Professor für Geschäftsprozessmanagement. Er vertritt dort unter anderem Fächer wie Geschäftsprozessmanagement (insbesondere mithilfe künstlicher Intelligenz), ERP-Systeme, Softwareentwicklung in der Medizintechnik sowie Datenbanksysteme und -anwendungen. Studt engagiert sich als Gründungsbotschafter und Juror bei Businessplanwettbewerben.

Literatur

  1. Bundesagentur für Arbeit. Fachkräfteengpassanalyse. 2024. URL: https://statistik.arbeitsagentur.de/SiteGlobals/Forms/Suche/Einzelheftsuche_Formular.html;jsessionid=D11B5F10D967522640C9117050B91FB7?nn=27096&topic_f=fachkraefte-engpassanalyse.
  2. Gartner, Hrsg. Citizen Developer. 2025. URL: https://www.gartner.com/en/information-technology/glossary/citizen-developer.
  3. Apurvanand Sahay u. a. „Supporting the understanding and comparison of low- code development platforms“. In: 2020 46th Euromicro Conference on Software Engineering and Advanced Applications (SEAA). IEEE, 2020, S. 171–178. ISBN: 978-1-7281-9532-2. DOI: 10.1109/SEAA51224.2020.00036.
  4. Nina Tuomikangas und Riikka Kaipia. „A coordination framework for sales and operations planning (S&OP): Synthesis from the literature“. In: International Journal of Production Economics 154 (2014), S. 243–262. ISSN: 09255273. DOI: 10.1016/j.ijpe.2014.04.026.
  5. Thomas F. Wallace und Robert Stahl. Sales & operations planning: The „how-to“ handbook. 3. Auflage. Cincinnati, Ohio: T. F. Wallace, 2008. ISBN: 9780967488455.

1 Dieser Effekt beschreibt das Aufschaukeln von Bedarfsschwankungen entlang der Lieferkette, die sich in volatilen Bedarfsdaten, Engpässen sowie Überbeständen niederschlagen.

Foto: Hochschule Landshut 
(frei zur Verwendung bei Angabe der Quelle)
Bildunterschrift: Low-Code und Citizen Developer sollen dazu beitragen, den IT-Fachkräftemangel zu umgehen und den Weg von einer Idee zur nutzbaren Prozessinnovation zu beschleunigen. ​