Von Spanischer Grippe bis Corona: Lernen für die Vorsorge

Vortrag des Wissenswerk Landshut zeigt Schwierigkeit, beim Treffen von Entscheidungen, um (künftige) Bedrohungen zu meistern

Der jüngste Vortrag aus der Reihe Wissenswerk Landshut bot einen historischen Vergleich zwischen der aktuellen Corona-Pandemie und früheren todbringenden Krankheitswellen und zeigte die Bedeutung von staatlicher Vorsorge, aber auch die Schwierigkeit, in ihrem Sinne richtige Entscheidungen zu treffen. „Von der Spanischen Grippe bis Corona - Vorsorge in Geschichte und Gesellschaft“ lautete der Titel des Vortrags des Historikers Prof. Dr. Nicolai Hannig (TU Darmstadt) am 26. Oktober.

In Zeiten von Corona auftretende Verhaltensweisen wie Hamsterkäufe zu erklären falle schwer, wie Hochschulpräsident Prof. Dr. Fritz Pörnbacher in seiner Begrüßung der mehr als 140 zumeist online zugeschalteten Teilnehmern erklärte. Das Wissenswerk Landshut, veranstaltet von Katholischer Hochschulgemeinde, BMW Group Werk Landshut sowie Hochschule und unterstützt durch den Freundeskreis, werde aber wie seit nahezu 20 Jahren sicher auch zum aktuellen Thema spannende Informationen bieten. Rund um die Corona-Pandemie sei ein großer Bedarf an Wissen festzustellen, bestätigte auch Prof. Dr. Nicolai Hannig. Dies nicht nur über Virologie, Heilmethoden oder Medizin, es sei Orientierung in vielen Gebieten gefragt. Auch die Geschichte könne helfen die aktuelle Lage besser verstehen und einordnen zu können.

Seuchen – Dauerbrenner des 20. Jahrhunderts

Dass hochinfektiöse Krankheiten mit tödlichem Verlauf kein Novum darstellen, zeigte er an drastischen Schilderungen der Spanischen Grippe von 1918. Schätzung gingen von 20 bis 100 Millionen Toten aus, mehr als im ersten und zweiten Weltkrieg zusammen. Doch wie zuverlässig seien solche Zahlen? Wenn ein durch die Grippe geschwächter Soldat eine Kugel traf, war das ein Weltkriegs oder ein Grippe-Opfer. Auch wurde in städtischen Gegenden wie Hamburg die Krankheit intensiv dokumentiert, während sie in ländlichen Regionen – in denen die medizinische Versorgung oft auch mangelhalft gewesen sei – kaum Aufzeichnungen gemacht wurden. Die Spanische Grippe sei daher auch oft als städtisches Problem interpretiert worden.

Er wolle aber nicht die Höhe der Todeszahlen diskutieren, sondern die Frage stellen, was Pandemien etc. mit der Gesellschaft und dem Staat gemacht haben und ob wir aus den historischen Erfahrungen gelernt haben. Besonders befasste er sich dabei mit dem wichtigen Begriff die „Vorsorge“, verstanden als Vorgriff auf die Zukunft. Bedrohliches solle bereits im Hier und Jetzt verhindert oder zumindest abgemildert werden. In Corona-Zeiten hieße das „flatten the curve“, durch Lock-down, Social Distancing etc. Für uns seien diese Maßnahmen neu, sie zählen aber zu den ältesten Mitteln der Seuchenbekämpfung.

Ende des 19. Jahrhunderts sei man überzeugt gewesen, schwere Infektionskrankheiten besiegt zu haben. Das Gegenteil sei der Fall, Seuchen seien im 20. Jahrhundert eigentlich ein Dauerbrenner, Polio, resistente Keime, Aids und SARS seien einige Beispiele hierfür. Neue Epidemien würden sich im Zuge der hohen Mobilität der Menschen verbreiten. Doch nicht nur Krankheiten, auch Naturkatastrophen etc. werden zum Sicherheitsthema, vor der sich die Weltgesellschaft verteidigen müssen. Dies bezeichnet Prof. Dr. Hannig als „Versicherheitlichung“, viele Themen werden in die Sicherheitsdebatte übertragen.

Lernen aus der Krise

Im Vergleich zur heutigen Popularität der Corona-Pandemie sei die Spanische Grippe eine unsichtbare Seuche gewesen. Gerade auf Reichsebene sei sie kaum Thema gewesen, ländliche Regionen wurden alleine gelassen. In Städten wie Hamburg mit ihrer dichten Infrastruktur dagegen, sei sie präsent und ein Sicherheitsthema gewesen. Es gab Lock-downs, Informationskampagnen und Beratungsstellen. Diejenigen Städte, die im 19. Jahrhundert als Brutstätten der Cholera galten, hatten aus ihren Erfahrungen gelernt, hatten eine erhöhte Sensibilität gegenüber Gesundheitsgefahren entwickelt. Sanitäre und medizinische Einrichtungen waren ebenso wie Müllentsorgung und Trinkwasserversorgung installiert worden.  

Max von Pettenkofer habe auf das Thema Hygiene aufmerksam gemacht und bereits 1873 einen Verein für öffentliche Gesundheitspflege gegründet, die Vorsorge wurde zum politischen Auftrag des Staates. Robert Koch dagegen setzte auf die Bekämpfung des Virus, denn die Medizin hatte damals der Krankheit nicht viel entgegenzusetzen. Mit Blick auf die Vorsorge werde auch deutlich, was ärztlicher Versorgung vorausgehen müsse, nämlich Dokumentation über Verbreitungswege, Krankheitsverläufe, etc., die als Basis von Behandlungsmethoden und anderen Maßnahmen diene.

Wurde die Spanische Grippe vom Weltkrieg überlagert, überlagere heute die Corona-Pandemie viele vorher relevante Themen. Es werde z.B. darüber diskutiert, ob der Staat individuelle Rechte beschneiden und die Versammlungsfreiheit einschränken darf. Seuchen bieten großes Potenzial, Missstände anzuprangern, ist Prof. Dr. Hannig überzeugt. 1918 wurden beispielsweise Beerdigungszüge teilweise in Protestzüge gegen Mangelversorgung umgewandelt. An Themen wie Klimawandel, Datensicherheit oder Pegida, die unsere Gesellschaft vor Corona beschäftigt haben, könne man sich heute kaum mehr erinnern. Damals wie heute habe man die Seuche auch für krude Verschwörungstheorien genutzt.

Vorsorge als staatliche Aufgabe

Die Wahrnehmung von Seuchen folge immer auch zeitgenössischer, politischer und gesellschaftspolitischer Logik. Genauso verhalte es sich mit der Vorsorge, deren Geschichte so alt wie die Menschheit sei. Menschen hätten Strategien entwickelt, um mit Gefahren umzugehen. Schon die Pest sei ein Schrittmacher der Gesundheitsversorgung gewesen, die Pockenepidemie habe Impfung und Impfflicht angestoßen, später sei die Cholera Lehrmeister der Medizin gewesen. „Seuchenzeit ist auch immer Entdeckerzeit,“ erklärte Prof. Dr. Hannig.

Vorsorge bedeute im Vorhinein verhindern, man bereite sich in der Gegenwart auf kommende Bedrohungen wie auch Krieg, Katastrophen oder Arbeitslosigkeit vor. Dabei sei die Organisation von Vorsorge nicht leicht zu bewerkstelligen. Viel Wissen und Geld sei nötig - und da komme der Staat ins Spiel. Vorsorge sei ein zentrales Motiv zur Gründung von Staaten, wie wir sie heute kennen. Dies sei nicht nur mit dem Ziel des Schutzes nach Außen geschehen, sondern der Staat wurde zu so etwas wie einer Versicherungsagentur, finanziert durch Steuern. Schutz, für den man vorher selbst verantwortlich war, wurde zur Aufgabe des Staates.

Menschen verlernten es, selbst vorzusorgen, allerdings sei auch immer mehr Wissen nötig, um vorsorgen zu können. Zugleich wuchsen die Ansprüche an den Staat, der für die Bewältigung von Seuchen verantwortlich wurde. Dabei sei die Bedrohung durch die Natur ein genauso gutes Beispiel wie Seuchen. Bei Flussbegradigungen wurde z.B. der Landschaft ein neues Antlitz verpasst, um vor Überschwemmungen zu schützen. Doch wurde dabei die Fließgeschwindigkeit erhöht, es wurde näher an Flüsse gezogen und hier Industrie angesiedelt. Nun genügte eine Überschwemmung, um wesentlich mehr Schaden anzurichten, als dies bei vielen Überschwemmungen vorher der Fall war.  

Eng verbunden mit der Vorsorge sei aber auch Exklusion. So wurde beispielsweise auf Ellis Island 1892 eine Quarantäne-Durchgangsstation gegründet, weil 2 Auswandererschiffe nach New York die Cholera mitbrachten. Hier wollte man die Ansteckungswege unterbrechen, Kranke wurden isoliert oder zurückgeschickt und Kinder von Eltern getrennt, die Insel schnell als "Island of Tears" bekannt. Schnell wurden Stimmen laut, dass Migranten nicht nur Krankheiten, sondern auch Verbrechen und Armut mitbrächten. "Der Weg von Prävention zur Ausgrenzung und zu Rassismus sei nicht weit," erklärte Prof. Dr. Hannig.

Vorsorge unter paradoxen Bedingungen

Vorsorge folge einer sehr eigentümlichen Logik, sie beuge vor, produziere aber selbst Bedrohung. Diesen Widerspruch bezeichnet der Referent als „Vorsorgeparadox“. Bei der Einnahme von Medikamenten habe man sich beispielsweis an im Beipackzettel aufgeführte Nebenwirkungen gewöhnt. Was aber, wenn unerwünschte Nebenfolgen das Ausmaß der eigentlichen Krankheit übersteigen? Damals wie heute spiele auch das Virologenparadox eine Rolle: Je wirksamer die Unterbrechermaßnahmen sind, als umso unwichtiger werden sie mangels einer Bedrohung beurteilt. Viele Krankheiten wurden durch Impfungen zurückgedrängt, heute steige die Zahl der Impfverweigerer. Der eigene Erfolg gefährde die Vorsorge.

Die Entscheidungsfindung bei der Vorsorge sei schwierig, viele Faktoren müssen berücksichtigt werden, neben Krankheitsfolgen auch wirtschaftlicher Schaden, psychische Folgen oder die Verhältnismäßigkeit von Einschränkungen. Die Problematik bei der Entscheidungsfindung zeige auch eine Studie aus den 70er Jahren, in der die Auswirkungen von Erdbebenvoraussagen in den USA simuliert wurden. Durch die Warnung im Vorfeld konnten zwar viele Menschen gerettet werden, sie führte aber auch zum ökonomischer Kollaps der Region. In der Risikopolitik müsse zwischen Gefahren und denjenigen, die die Vorsorge erst heraufschwört, abgewogen werden.

Die Corona-Krise sei kein Unikum, sie zeige uns aber erneut die Bedeutung und die Paradoxie der Vorsorge. Und je engmaschiger das Vorsorgenetz sei, desto mehr Verantwortungen, Verpflichtungen, und Entscheidungen seien nötig. Das Abwägungsdilemma sei riesig groß, Entscheidungen müssten mit einer großen Zahl an Unbekannten getroffen werden. Daneben spiele auch die Vorsorgekonkurrenz eine wichtige Rolle: Es werden eigentlich für andere relevanten Themenfelder, wie Klima oder Gesellschaft, vorgesehene Ressourcen abgezogen und für Corona stehen plötzlich unglaubliche Mittel bereit. Dies sei Teil moderner Vorsorgelogik, Vorsorge wolle Zukunft beschützen, sei ein sehr mächtiges Instrument, mit dem der Staat – richtig eingesetzt - sehr viel bewegen könne.