Workflow und Telemedizin Leitthemen für Digitalisierung der Medizintechnik

Veranstaltung an der Hochschule Landshut zeigte neueste Trends und Praxisprojekte

Die Veranstaltung Medizintechnik@Hochschule Landshut brachte zum zweiten Mal Vertreter aus Unternehmen und Einrichtungen des Gesundheitswesens mit der Hochschule in Kontakt. Rund 60 Teilnehmer konnten sich am 19. Januar 2017 ein intensives Bild von Trends der Digitalisierung in der Medizintechnik, so das Leitthema der Veranstaltung, machen. Dies bei einem Impulsvortrag von Andreas Wögerer (Projekt.Management, Medizintechnik-Cluster Österreich), bei einer Debatte mit Vertretern aus dem Gesundheitswesen und bei der Vorstellung von Praxisprojekten, die in Zusammenarbeit von Studierenden des Studiengangs Biomedizinische Technik mit Unternehmen und medizinischen Einrichtungen durchgeführt wurden.

Hochschulpräsident Prof. Dr. Karl Stoffel betonte in seiner Begrüßung die Bedeutung des Themas Digitalisierung speziell auch für die Medizintechnik. Gerade die in der Veranstaltung vorgestellten Projekte böten den Studierenden wertvolle Einblicke in die Praxis. Er bedankte sich ebenso wie Prof. Dr. Stefanie Remmele, Sprecherin der Forschungsgruppe Medizintechnik und zusammen mit dem Netzwerk Medizintechnik der Hochschule Initiatorin der Veranstaltung, bei den beteiligten Partnern. Diese könnten von den Arbeiten der Studierenden durch die gewonnenen Erkenntnisse mit hohem Innovationspotenzial profitieren und tragen gleichzeitig zum hohen Praxisbezug des Studiengangs bei.

Großes Entwicklungspotenzial der Digitalisierung für die Medizintechnik

Der zu erwartende Technikfortschritt gerade im Bereich der Digitalisierung biete in der Medizintechnik ein enormes Potenzial, das es gelte zu nutzen, wie Wögerer in seinem Vortrag betonte. Für ihn stehen insbesondere die drei Bereiche personalisierte Medizin, intelligente Technologien (Big Data, Machine Learning) und vernetzte Systeme wie z.B. eHealth & Telemedizin im Fokus zukünftiger Entwicklungen. So sei die telemedizinische Nachsorge in der Kardiologie bereits Realität, wichtige „Herzdaten“ würden vom Patienten zu Hause über Mobilfunk oder Internet an den behandelnden Arzt geschickt und so in den USA beispielsweise die Reaktionszeit bei der Erkennung klinisch relevanter Ereignisse immens gesenkt werden. Die Patientensicherheit steige bei minimiertem Personalaufwand.

Nach einer aktuellen Studie nutzen heute bereits 30 Prozent der Befragten einen Fitness-Tracker, mit dem auch Körperdaten wie der Puls erfasst werden. Übergewichtige und chronische Kranke seien neben Sportlern Hauptnutzergruppen, ein Großteil davon kann sich auch vorstellen, diese Daten an einen Arzt zu übermitteln. Besonders vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft bei gleichzeitigem Ärztemangel, steigenden Kosten im Gesundheitssystem und fehlendem Fachpersonal in der Pflege, böte Telemedizin wertvolle Möglichkeiten. Dies hätten auch die Medizintechnikhersteller erkannt, von denen 29 Prozent bei einer Studie in Österreich angeben, Kompetenzen in den Bereichen medizinische Software, Telemedizin und e-Health zu haben. Insgesamt sei der Digitalisierungsgrad in der Pharma- und Healthcare-Branche im Vergleich zu anderen sehr gering. Großes Potenzial böten hier digitalisierte Abläufe im Krankenaus um den Workflow zu verbessern. 

Vernetzung als Basis für verbesserten Workflow

In einer von Prof. Dr. Remmele moderierten Podiumsdiskussion mit Vertretern aus verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens erklärte Prof. Dr. Andreas Lienemann (Radiologie Mühleninsel in Landshut), dass der Workflow, die Kommunikation und der Datenfluss, der den Patienten einfache, schnelle Wege ermöglicht, ein ganz entscheidender Faktor bei der Digitalisierung der Medizintechnik sei. Dies bestätigt auch Karsten Boettger (Chef der IT LaKUMed Krankenhaus Achdorf), dabei seien aber gerade im Bereich der IT viele Baustellen im Vorfeld zu beheben. Zum Beispiel sei die Vernetzung von Geräten verschiedener Hersteller aufgrund mangelnder Standardisierung von Schnittstellen und Dateiformaten ein großes Problem. Auch stiegen mit der Auswertung großer Mengen an personenbezogener Daten die Sicherheitsrisiken und -bedenken.

Die Zusammenführung von Daten verschiedener Geräte stellt auch für Dr. Peter Heinze (Produktmanager der Ayoda GmbH, München) ein wichtiges Themenfeld dar. Allerdings sei nicht nur die mangelhafte Standardisierung bei modernen Medizinprodukten ein Problem. Die lange Lebensdauer von Medizinprodukten erfordere neue technische Lösungen, die auch ältere Geräte Netzwerk-tauglich und alte Formate lesbar machen. Die große Relevanz des Themas Vernetzung und den Trend zu integrierten Systemen bestätigt Dr. Rolf Baumann (CTO der TOMTEC Imaging Systems GmbH Unterschleißheim) aus Sicht eines Softwareunternehmens. So ließen sich in den USA autonome Insellösungen bereits heute nicht mehr verkaufen, Interoperabilität sei gefragt.

Bei einer online-digitalen Meinungsumfrage sahen rund 60 Prozent der anwesenden Teilnehmer die größten Chancen für die Digitalisierung der Medizintechnik in einem verbesserten klinischen Workflow. Als größtes Risiko wurde die Datensicherheit, aber auch die Abhängigkeit vom Bottleneck IT-System und vom IT-Hersteller betrachtet. Gefragt, welche Trends sie für besonders relevant halten, spricht sich die Mehrzahl (85 Prozent) für eine personalisierte Medizin, d.h. automatisierte und individuelle Datenverarbeitung in Diagnose und Therapieplanung aus.

Praxisprojekte im Bereich von Trendthemen der Digitalisierung

Viele der gezeigten Trends im Bereich der Digitalisierung der Medizintechnik waren auch Thema in den von den Studierenden präsentierten Praxisprojekten. Die Medizintechnik und auch der Bachelor-Studiengang Biomedizinische Technik der Hochschule Landshut vereinen ingenieurwissenschaftliche, technische und naturwissenschaftliche Wissensbereiche. Diese Kenntnisse und Fähigkeiten stellen die Studierenden gegen Ende Ihres Studiums in Praxisprojekten unter der Leitung von Prof. Dr. Remmele unter Beweis. Die Fragestellungen hierfür kommen von Partnern aus Industrie und medizinischen Einrichtungen.

Die medizinische Dokumentation auf der Intensivstation sowie Möglichkeiten analoge durch digitale Prozesse zu ergänzen bzw. zu ersetzten wurden in einem Projekt zusammen mit dem Krankenhaus LaKUMed Landshut-Achdorf sowie der Cerner Deutschland GmbH analysiert. Für die Radiologie Mühleninsel in Landshut und in Zusammenarbeit mit der Smart Reporting GmbH & Co KG (München) und der 4Voice AG (Unterföhring) untersuchten die Studierenden, wie sich die Einführung moderner und strukturierter Befundungstemplates auf den radiologischen Workflow auswirkt. Das Projekt verglich außerdem Spracherkennungs- und Sprachsteuerungsansätze zur Kompensation des dabei entstehenden erhöhten Zeitaufwandes.

Neue Bedienkonzepte und technische Geräte, die den Workflow im Operationssaal vereinfachen können, untersuchten weitere Projektarbeiten. Für einen von der Ayoda GmbH München bereitgestellten Prototypen wurde ein Algorithmus für die Erkennung verschiedener Handbewegungen entwickelt, der als Grundlage für eine Gestensteuerung im OP dienen soll.  In einem anderen Projekt entstand eine Navigationsumgebung für
Die Konstruktion einer Entwicklungsumgebung für ein elektromagnetisches Trackingsystem in der Katheterinterventionen für Forschung und Lehre im Medizintechniklabor der Hochschule Landshut. Mit diesem System können mithilfe elektromagnetischer Felder und Sensoren verschiedene medizinische Instrumente wie Katheter, Endoskope und Nadelspitzen innerhalb des Körpers sichtbar gemacht werden. In einem weiteren Projekt wurde für die Uniklinik in Köln eine App entwickelt, die aus segmentierten MRT-Datensätzen das Bewegungsmuster bestimmter Herzstrukturen quantifiziert. Die App soll die Klinik in der Erforschung einer noch recht unbekannten Herzerkrankung unterstützen. Bei dem Umgang mit den Segmentierungsdaten stand die Firma TOMTEC Imaging Systems GmbH (Unterschleißheim) beratend zur Seite.