Digital und nachhaltig erfolgreich ins nächste Jahrzehnt

Das 6. Landshut Leadership Forum 2021 der Hochschule Landshut bot wieder hochkarätige Expert*innen aus unterschiedlichen Industriebranchen, die selbst in ihren Bereichen Zukunft gestalten und mit den Teilnehmern*innen innovative Ideen und Geschäftsmodelle für das nächste - durch Digitalisierung und Transformation geprägte - Jahrzehnt diskutierten. Nachhaltigkeit, E-Mobilität, Produktion im Weltall, Digitalisierung und Ökosysteme von Unternehmen lauteten Themen in den Keynotes von führenden Industriemanagern*innen.

Innovationen denken, bedeute, für Problemstellung bessere, nachhaltige Lösungen und Innovationspotenzial zu finden, wie Prof. Dr. Fritz Pörnbacher in seiner Begrüßung der insgesamt knapp 140 Teilnehmer erklärte. Digitalisierung und Nachhaltigkeit seien aktuelle Themen, die im Landshut Leadership Forum mit hochkarätigen Experten*innen diskutiert werden. Prof. Dr. Harald Wehnes, GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V., betonte, mit der Pandemie sei unser Leben digitaler, virtueller und agiler geworden. In der Veranstaltung sollen Innovationen aufgezeigt und das Potenzial unter Einbeziehung von modernen Projektmanagementmethoden in der Zukunft gehoben werden. Für Dr. Susan Lindner, Bayern Innovativ GmbH, entsteht Innovation meist an den Grenzen zwischen Bereichen. Sie spricht in ihrem Grußwort die Hoffnung aus, dass im Leadership Forum in der Interaktion von Wissenschaft und Wirtschaft Innovationen in einer vernetzten Welt erreicht werden.

Mit Digitalisierung zur nachhaltigen Transformation

Die massive Transformation werde „digital und grün“ stattfinden, ist Veranstaltungsinitiator Prof. Dr. Hubertus C. Tuczek überzeugt. Er fasst in seiner Themenhinführung Inhalte und Trends der Digitalisierung und Transformation zusammen, die 12 hochrangige Experten*innen zusammen mit Studierenden im aktuellen Buch der Reihe "Landshut Leadership" aufzeigen und Einblicke in die Entwicklung im nächsten Jahrzehnt geben. Das Zusammenleben ändere sich in einer vernetzten Gesellschaft, vom online vernetzten Einkaufen über den virtuellen Arztbesuch bis hin zur digitalen Nachbarschaftshilfe. Eine personalisierte (digitale) Bildung werde möglich, bei der Einzelne individuell nach ihrem jeweiligen Bedarf gefördert werden können und die Gamification eine große Rolle spiele.

Als Gamechanger sieht Prof. Dr. Tuczek die 5G-Technik, die eine Vernetzung in Echtzeit ermögliche und so weitreichende Möglichkeiten sowohl beim autonomen Fahren als beispielsweise auch in der Werkslogistik schaffe. Über KI könne u.a. soziales Verhalten nachgebildet und so – wie z.B. in einer Pandemie - vielfältige Entscheidungsoptionen mit ihren Auswirkungen hinterlegt werden. Realitäten werden in digitalen Zwillingen abgebildet, Optimierungen finden virtuell statt. Die Produktion werde auch durch die Robotik und das Miteinander von Mensch und Maschine verändert und die Biotechnologie schaffe immense neue Möglichkeiten, bis hin zum Fleisch aus dem Labor.

So entstünden neue Formen der Kollaboration, von New Work bis hin zum virtuellen Treffen in einer digitalen Welt. Und Ökosysteme seien die neue Kooperationsform von Unternehmen, die in einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Partnern auf Augenhöhe neue Möglichkeiten der Wertschöpfung umsetzen. Dabei seien Kernbereiche der Entwicklungen die erneuerbaren Energien, Digital Industries, Mobilität sowie Impact Innovations.

E-Mobilität als Technologie der Zukunft

Wolfgang Müller-Pietralla, Head of Future Research, Volkswagen AG, leitet seit vielen Jahren den Bereich der Zukunftsforschung des Automobilkonzerns. Er befasste sich in seiner Keynote mit der Mobilität im neuen Jahrzehnt. Dabei betonte er, Technologien wie die Digitalisierung brächten zwar die Zukunft in Bewegung, sie hätten aber selbst keinen eigenen Wert. Dieser entstehe erst über die Wahrnehmung der  potenziellen Käufer und müsse deren Bedürfnisse, Sehnsüchte und Ängste berücksichtigen. Thema der Zukunftsforschung sei deshalb, wie die Wertvorstellungen von Menschen in der Zukunft aussehen werden, um sich von Unternehmensseite darauf vorbereiten zu können. Auch beim Thema Digitalisierung müsse die Frage lauten, welchen Nutzen sie bietet.

VW habe sich der E-Mobilität verschrieben und Nachhaltigkeitsszenarien und Kerntrends entwickelt. Eine wichtige Botschaft laute, Innovationen müssten sinn- bzw. zweckvoll (meaningful) für die Menschen sein. So seien Fahrzeuge ja eigentlich mehr „Stehzeuge“, man könne sie aber nutzen, um zusätzliche Funktionen zu übernehmen. So könnten z.B. Pendler an ihren PVs ihre E-Fahrzeuge aufladen und den Strom dann in der Stadt "zurückgeben", während sie parken. Gerade beim Thema Autonomes Fahren müsse die Autonomie des Menschen mit der der Maschine in Einklang gebracht und dabei die Bedürfnisse aber auch Ängste der Menschen berücksichtigt werden. Insgesamt werde sich die Mobilität vom Fahren zum Reisen entwickeln.

Durch die Corona-Epidemie sei der IndividuaIverkehr angestiegen, Public Transport wird eher vermieden, auch das Sharing habe verloren. Für das nächste Jahrzehnt sieht er mehrere Entwicklungen: Einmal werde durch die zunehmende Digitalisierung virtuelles Arbeiten zunehmen, der Pendler-Trafic dadurch abnehmen, Fußgänger und (E-)Bikes seien Gewinner. Insgesamt könne man aber kein übergreifendes Konzept für die Zukunft entwickeln, es gäbe große Unterschiede in der Infrastruktur und Kultur zwischen Stadt und Land sowie zwischen Staaten und Kontinenten.

Nachhaltigkeit sei nicht mehr verhandelbar, Technische Innovation müsse der menschlichen Entwicklung dienen. Klimaneutralität könne nur mit E-Mobilität erreicht werden, ist er überzeugt. Es müsse alles getan werden, um das Thema Solarenergie nach vorne zu bringen. Entscheidend sei es, „Ecolonomy", die Verbindung von Ökologie und Ökonomie zu schaffen. Elektrische Antriebe seien durch die unbegrenzt zur Verfügung stehende Energie, ihren Wirkungsgrad und ihren Preis auch für Trucks und die Logistik die rentabelste Lösung für die Zukunft. Per Schwarmintelligenz könnten ganze Transportsysteme, die aber trotzdem jedes einzelne Fahrzeug berücksichtigen, eingesetzt werden, auch selbstfahrend autonome E-Module seien denkbar. Doch präge die Infrastruktur die Mobilität. Und damit bis zum Jahr 2030 etwas passiere, müsse diese in Deutschland deutlich verbessert werden.

Fertigung und Montage as a Service im Weltall

Operations as a Service und die Vision 2031 aus Sicht von Europas größtem Luft- und Raumfahrtunternehmen präsentierte Barbara Bergmeier, EVP Operations, Airbus Defence and Space. Das Produktionsnetzwerk sei über vielen Länder verteilt, viele unterschiedliche Prozesse und Kulturen müssten berücksichtigt werden. Operations werde als Teil eines End-to-End-Prozesses mit Datendurchgängigkeit für volle Transparenz an jedem Ort zu jeder Zeit realisiert (Digital Design, Manufacturing and Services, DDMS). Hierzu sei eine sehr aufwändige Transformation und die Einführung eines übergreifenden ERP-Systems nötig gewesen.

Innovation sei nur über Werte erfolgreich umzusetzen. Hierzu habe man ein Werteset als Kompass zusammen mit einem Leadership-Modell entwickelt, um verschiedene Kulturen zu einer gemeinsamen zu verbinden. Eine Transformation werde mit den Kunden und Mitarbeitern im Zentrum umgesetzt, basierend auf einem „As a Service“-Mindset im Unternehmen, bei dem Kundenwünsche möglichst reibungslos umgesetzt werden. Dabei seien die Mitarbeiter und die Zusammenarbeit Mensch und Maschine für eine bessere Wettbewerbsfähigkeit wichtig. Smart Tools mit automatisierter Abspeicherung, mixed Reality, ergonomische Unterstützungssysteme, Roboter & Cobots seien dabei von Bedeutung. So habe man Europas erste vollautomatisierte Solar-Panel-Produktion für Raumfahrt-Anwendungen realisiert, die auf individuelle Kundenwünsche reibungslos reagieren kann.

Die Vision 2031 laute, Operations as a Service und die Fertigung im Weltraum zu ermöglichen. Dadurch werde man von den Einschränkungen des Raketenstarts, z.B. bezüglich der Masse beim Transport in den Orbit, befreit, Fertigung und Montage könnten im Orbit erfolgen, seit März 2021 entwickle man zusammen mit 7 europäischen Firmen ein Konzept für einen Demonstrator.  

Mit Ökosystemen und neuem Vertrauen zur Nachhaltigkeit

Mit der großen Bedeutung von unternehmensübergreifenden Ökosystemen gerade für umfassende Herausforderungen wie die ESG-Compliance befasste sich Dr. Andras Kind, Siemens AG, in einer weiteren Keynote. Siemens wolle auch weiterhin in der Champions League der industriellen Fertigung spielen, wie sie dies aktuell mit ihren Digital Lighthouse Factories realisiert hätten. Hier werde pro Sekunde ein Produkt gefertigt, in diesem Takt müssten auch digitale Schlüssel bzw. Zertifikate darauf abgelegt werden, was eine große Herausforderung darstelle. Doch seien es Themen wie der Global Green Deal, Nachhaltigkeit, der CO2-Footprint und ganz besonders die Environmental Social Governance – ESG (zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung), die über den Wert und die Zukunft von Firmen entscheiden werden.

Im deutschen Lieferkettengesetz müssten Unternehmen wie Siemens über die gesamte Lieferkette den CO2-Footprint ausweisen und dabei nachvollziehen, welche zugelieferten Teile oder Produkte aus welchen Materialien und unter welchen Bedingungen hergestellt werden. Gerade diese Informationen wollen aber Zulieferer nicht teilen, da sie oft grundlegend für ihren Wettbewerbsvorteil sind. Die Lösung schaffe hier ein Ökosystem, ein heterogenes Netzwerk mit allen Beteiligten entlang der Wertschöpfungskette. Unter dem Namen ESTAINIUM entwickle Siemens so ein unternehmensübergreifendes Netzwerk. Mit digitalen Zertifikaten verspricht die Digitalisierung die Herausforderungen der Cybersecurity zu lösen, Basis sei aber besonders ein neues Vertrauensverhältnis unter allen beteiligten Partner.

Mit „Pain“ zum erfolgreichen Start-up

Als Special Guest begrüßte Prof. Dr. Tuczek mit Josef Brunner einen der Vorzeigegründer Deutschlands. In seinem zuletzt erfolgreich verkauften Unternehmen relayr lautete die Idee, Maschinen as a Service anzubieten, ein durch die digitale Transformation ermöglichtes Geschäftsmodell. Heute sei es ihm ein Anliegen als Mentor Gründer zu unterstützen, dies auch um gesellschaftlichen Nutzen zu generieren. Dabei wollte er mit seinem Buch „Follow the Pain“ nicht nur seinen eigenen teilweise schmerzhaften Weg zum Erfolg aufzeigen, sondern auch verdeutlichen, dass Gründer auch Zeiten „mit stürmischem Seegang“ durchleben müssen. Potenzial sieht er für Gründer heute in wenig effektiv organisierten Märkten wie der Baubranche oder auch in der Transformation in der Energieversorgung und –verteilung. Dieser Bereich sei gesellschaftlich von besonderer Bedeutung und biete Gründern besondere Chancen.

Lebhafte Diskussionen über relevante Handlungsfelder der Digitalisierung und Transformation führten namhafte Expert*innen mit den Teilnehmern*innen in den Interaktionsmodulen. Dies in den folgenden Themenfeldern: Die Welt im Jahr 2031 / Mobilität, Gesellschaft 5.0 / Innovation Bildung, Ökosysteme / New Work, Digital Industries, Künstliche Intelligenz / Impact Innovations, Biotech / Energie, Smart Cities and Regions. Die Veranstaltung mit ihren hochkarätigen Expert*innen zeigte vielfältige Ansätze und das große Potenzial für neue Geschäftsideen, die durch die Digitalisierung in einer vernetzten Welt entstehen können.

Abschließend bedankte sich Prof. Dr. Tuczek bei den vielen hochkarätigen Keynote-Speakern und Expert*innen, die die Zukunftsthemen im kürzlich erschienen Buch - „Innovationen in einer vernetzten Welt“ zusammen mit Masterstudierenden des Moduls „Führungskompetenzen“ unter Leitung von Prof. Dr. Tuczek als Autoren herausgearbeitet haben. (Für Interessenten hier der Link zum Buch). Er verabschiedete sich von den zumeist online zugeschalteten Teilnehmern mit der Hoffnung, dass sie vielfältige Impulse für den Weg in die vernetzte Welt des nächsten Jahrzehnts gesammelt haben. Aktuelle Informationen zur Veranstaltungsreihe unter www.haw-landshut.de/landshut-leadership.