„Wir merken oft nicht, wie stark uns die Arbeit emotional fordert“

Fachtagung an der Hochschule Landshut beleuchtete Supervision für Gebärdensprachdolmetscher

Wer viel mit Menschen arbeitet, braucht selbst Unterstützung. Daher besprechen Lehrer, Pfarrer oder Therapeuten oft mit einem Supervisor, was sie im Beruf belastet und wie sie damit umgehen können. Supervision hat sich in vielen sozialen und medizinischen Berufen etabliert. Auch Gebärdensprachdolmetscher finden sich oft in schwierigen Situationen – etwa wenn sie im Gericht arbeiten oder in emotionalen Gesprächen vermitteln. Da Gebärdensprachdolmetscher in der Regel freiberuflich tätig sind, fehlt ein Rahmen, in dem man sich mit anderen über professionelle Probleme einfach austauschen kann. Inwieweit Supervision hier weiterhelfen kann, diskutierten am vergangenen Freitag rund 100 internationale Vertreter aus Wissenschaft und Praxis an der Hochschule Landshut.

Tagung in drei Sprachen: Deutsch, Englisch, deutsche Gebärdensprache


„Es wird mehr und mehr anerkannt, dass die Dolmetscher enorm zum Selbstverständnis und zur Inklusion der Gehörlosengemeinschaft beitragen“, fasste Sabine Fries zusammen. Sie ist Professorin für Gebärdensprachdolmetschen und -gemeinschaft an der Hochschule Landshut und selbst gehörlos. Die Leiterin des Studiengangs, Prof. Dr. Uta Benner, ergänzte: „Deswegen wollen wir heute diskutieren, was der Wert von Supervision für Gebärdensprachdolmetscher ist.“

Lyn Chase, seit 15 Jahren Gebärdensprachdolmetscherin in England und  nun zusätzlich Supervisorin, meinte: „Wir merken oft selbst nicht, wie stark uns die Arbeit emotional fordert.“ Manchmal ließe man sich von den Gefühlen seiner Klienten einfach mitreißen, ergänzte ihre Kollegin Omoyele Thomas: „Es ist, als hätte man ein Gefäß in sich, das sich während der Arbeit füllt und einen belastet. Supervision hilft, es zu leeren.“ Im Gespräch mit dem Supervisor nimmt man sich die Zeit, die eigene Arbeit zu reflektieren. „Man lernt auch, das eigene Arbeitspensum besser einzuschätzen. Das Ziel ist, immer besser in seinem Job zu werden“, so Thomas.

Supervision kann nicht nur im Einzelgespräch funktionieren, zeigten Winnie de Beer und Anke Bruns-Heij. Die Dolmetscherinnen berichteten von ihren Erfahrungen von Gruppensupervision in Holland: „Die Teilnehmer erstaunt es oft, wie viele Erfahrungen andere teilen. Dieses Bewusstsein und das Teilen von Strategien, Tipps und Tricks helfen, das Selbstbewusstsein zu stärken und Stress abzubauen.“

Sensibler mit Gehörlosenkultur umgehen

Andere Tagungsteilnehmer berichteten von negativen Erfahrungen: „Es ist ein Problem, wenn der Supervisor unsere Arbeit nicht versteht. In meinem Fall verstand der Supervisor Gehörlose nicht als Sprachgemeinschaft, sondern als Behindertengruppe. Das ist keine Basis, um sich vertrauensvoll auszutauschen.“ Darum sei es auch wichtig, die hörende Gesellschaft für den Umgang mit Gehörlosen und ihre Kultur zu sensibilisieren, findet Carmen Böhm. Sie leitete gemeinsam mit Benner ein Forschungsprojekt an der Hochschule Landshut: 20 Studierende der Sozialen Arbeit untersuchten, wie sich Gebärdensprachdolmetscher mit Supervision auseinandersetzen. Das Ergebnis fiel uneinheitlich aus: „Die meisten haben Supervision noch nicht in Anspruch genommen – haben aber positive Erwartungen daran. Wir müssen mehr über die Bedarfe der Dolmetscher wissen“, fasste Böhm zusammen.

Lesen Sie auch die Pressemitteilung zur Fachtagung und sehen Sie sich den Beitrag über Gebärdensprachdolmetschen von Isar TV an.