Ständiger Dialog zwischen Religion und Staat erforderlich

Wissenswerk Landshut befasst sich mit Rolle der Religionen im säkularen Staat

Mit der Frage, ob es eine Religion gibt, die zu Deutschland gehört, griff die jüngste Veranstaltung des Wissenswerk Landshut an der Hochschule (24. Oktober 2016) Landshut ein brisantes Thema auf. Der renommierte Religionswissenschaftler Prof. Dr. Dr. Peter Antes (Universität Hannover) befasste sich mit der Rolle der Religionen im säkularen Staat. Er betonte vor rund 200 Teilnehmern, Religionen müssten Menschenrechte und Grundregeln des säkularen Staates anerkennen. Religiöse Richtungen, egal welcher Religion, die sich gegen die Menschenrechte oder das Grundgesetz eines Staates stellen, dürften nicht akzeptiert werden.

Das Wissenswerk bietet in seinen Veranstaltungen einen Wissensaustausch über wissenschaftliche Disziplinen und über Generationen hinweg. In seiner Begrüßung betonte Hochschulpräsident Prof. Dr. Stoffel die Brisanz und hohe Aktualität des Themas, dies besonders vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle und z.B. der Debatte einer Deutschen „Leitkultur“. Er bedankte sich bei den langjährigen Kooperationspartnern BMW Group Werk Landshut und der Hochschulgemeinde, denen es mit der Veranstaltung wieder gelungen sei, den Wissensaustausch über Disziplinen und Generationen hinweg zu beleben.

Religion und gesellschaft im steten Wandel

Antes stellt in seinem Vortrag die Frage, ob es Religionen gibt, die zu Deutschland und einer deutschen Leitkultur gehören. Eine endgültige Antwort darauf sei kaum möglich. Denn sowohl die Gesellschaft und ihre Werte als auch die Religionen und ihre vielen unterschiedlichen Strömungen befänden sich im steten Wandel. Dies erfordere einen ständigen Dialog zwischen säkularem Staat und den Religionen. Erschwert würde dieser Dialog dadurch, dass die Trennlinie häufig nicht zwischen den Religionen, sondern in den unterschiedlichen Ansichten und Auslegungen verschiedener Gruppen innerhalb einer Religion verlaufen. Antes gibt in seinem Vortrag erst einen Überblick über die Entwicklung der Religionen in Deutschland, befasst sich dann mit den Werten und Normen im säkularen Staat und stellte dann die Frage, wie sich Religionen in den heutigen säkularen Staat einbringen können und auch müssen.

„Religionsgeschichtlich betrachtet lebt Europa vom Import“ betont Antes. Keine der großen Religionen hätten sich hier entwickelt, Judentum, Christentum und in der Neuzeit auch der Islam seien zu unterschiedlichen Zeiten in Europa relevant gewesen. Doch hätten sich auch die Religionen selbst stark verändert. So hätten im deutschen Christentum die katholische und die protestantische Kirche das lange vorherrschende Monopol verloren. Die orthodoxe Kirche und auch verschiedene Strömungen innerhalb der Religionen, wie z.B. portugiesische, spanische oder italienische Missionen in der katholischen Kirche, hätten für eine neue Vielgestaltigkeit gesorgt. Und auch innerhalb dieser Gemeinschaften habe es große Veränderungen gegeben, so habe etwa die portugiesische Mission durch Zuwanderung aus portugiesisch sprachigen Ländern wie Brasilien, Mozambique und Angola neue Einflüsse erfahren.

Doch auch der Staat, seine Leitkultur und die durch ihn vertretenen Werte seien einem starken Wandel ausgesetzt. So hätten sich beispielsweise die in der französischen Revolution verankerten Menschenrechte nur auf den Mann, nicht auf Frauen, und auch hier nur auf „Weiße“ bezogen. Es habe einer langen Zeit bedurft, um „homme“ als Mann und Frau zu definieren und zusätzlich Kinder oder auch Menschen mit Behinderung mit einzubeziehen – eine ethische Entwicklung des säkularen Staates, der heute für die Gleichheit von Mann und Frau, Toleranz gegen andere Religionen und Religionsfreiheit eintritt. Die Werte der Gesellschaft sowie die Bejahung des säkularen Staates bilde auch die Grundlage für die z.B. im bayerischen Schulgesetz geregelte Anforderungen und die Zulassung von Religionen zum Religionsunterricht. Hier sprach sich Antes klar dafür aus, zu prüfen, welche Religionen den säkularen Staat und die Grundprinzipien wie die Gleichheit von Mann und Frau anerkennen und unterstützen. Dies gelte auch für einen Austritt aus oder den Wechsel zu einer anderen Religion oder die Ausübung von Ämtern durch Frauen. Es sei nicht zu akzeptieren, wenn Religionen bzw. Strömungen innerhalb der Religionen, die Werte des säkularen Staates nicht anerkennen.

Dialog mit Religionen ist Dialog mit Institutionen

Obwohl weder die Bibel noch der Koran einen säkularen Staat kennen, seien Debatten innerhalb der Religionen durch die Anforderungen des modernen Staates geführt worden. Die protestantische Kirche habe sich beispielsweise für Pastorinnnen und Bischöfinnen geöffnet. Eine ähnliche Debatte gäbe es im Judentum, aber auch im Islam, in den USA seien bereits erste weibliche Imane bei liberalen Gemeinden im Einsatz. Ein Dialog mit Religionen sei ein Dialog zwischen Institutionen, doch sei es speziell beim Islam schwierig, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Nur maximal 20 Prozent der Muslime seien über verschiedene Interessenverbände organisiert, wie Prof. Antes schätzt. Darunter neben Schiiten und Sunniten zahlreiche unterschiedliche religiöse Richtungen. Der heutige Religionsunterricht in Bayern sei beispielsweise durch einen der Türkei und ihrem Ministerpräsidenten nahe stehenden Islam geprägt, es sei aber kaum abzuschätzen, wie viele der heutigen Muslime tatsächlich dieser Ausrichtung nahe stehen.

Aktuell und auch in Zukunft gäbe es Veränderungen in der Gesellschaft und in ihren Werten, die dann erneut in die Debatte der Religionen einfließen müssten. Heutige Themen seien hier u.a. Kleiderordnung, Beschneidung oder auch das Schächten. Für Antes darf es keine Sonderrechte für Religionen geben: „wer hier eine Religion ausübt, muss sich an die geltenden Gesetze halten“, ist er überzeugt. Wer Religionsunterricht durchführen darf, sei z.B. im bayerischen Schulgesetz geregelt. Wer die Zulassung habe, dürfe in den Schulen seine und auch andere Religion nach den eigenen Ansichten darstellen. Eine Lösung sieht Prof. Antes darin, einen konfessionsübergreifenden Religionsunterricht durchzuführen. Denn nur dann könnten falsche Behauptungen über andere Religion, von den Angehörigen dieser Konfessionen korrigiert werden.

Auch müsse der historische Kontext von Religionen und ihrer zugrundeliegenden Schriften berücksichtigt werden. So stünden im Koran Texte, die damalige Formen des Christentums kritisieren, die aber mit der heutigen christlichen Religionsauslegung nichts mehr zu tun hätten. Ursache für Konflikte bzw. Eskalation sei oft die gruppenspezifische Denkweise über „die“ Muslime oder „die“ Christen. Religionen dürften hier nicht den traditionellen Mustern folgen, sondern müssten sich an aktuellen Auslegungen, an heutigen gesellschaftlichen und in der Verfassung vorgeschriebenen Normen orientieren. Wer diese Prinzipien als Religion in Frage stelle, könne nicht akzeptiert werden. Dies gelte ebenso für all diejenigen, die versuchen, ein friedliches Zusammenleben der Religionen im säkularen Staat zu stören. Religionen müssten gemeinsame Wege finden, um so zusammenzuleben, dass es keine Ursachen für Gewalt gibt. Ziel müsse es sein, Bündnisse zu schließen, um diejenigen auszugrenzen, die daran kein Interesse hätten.