„Können Sie mal kurz auf die Klasse aufpassen?“

Inklusive Beschulung ist ein Konzept, unter dem sich jeder etwas vorstellen kann. Das Thema ist nicht neu, doch wenn es um die Inklusion gehörloser oder schwerhöriger Kinder geht, herrscht oftmals noch große Verwirrung, sobald eine Gebärdensprachdolmetscherin den Klassenraum betritt. Was hat die denn hier zu suchen? Christiane Schulze war an der Hochschule zu Gast, um von ihren Erfahrungen zum Thema Gebärdensprachdolmetschen in der Schule zu berichten. Ein Vortrag über Inklusive Beschulung mit Gebärdensprachdolmetschern/-innen.

Zu den wohl größte Herausforderungen in diesem Bereich zählt, dass oft nicht klar ist, welche Rolle der/die DolmetscherIn im Klassenraum einnimmt. In anderen Settings ist klar abgesteckt, dass keine Aufgaben außerhalb der Sicherstellung der Kommunikation übernommen werden. Das ist im schulischen Kontext jedoch nicht so einfach abzugrenzen. Als Erwachsene/r unter Kindern fallen dem/r DolmetscherIn automatisch auch pädagogisch erzieherische Aufgaben zu und es kann schnell mal passieren, dass man von der Lehrkraft gebeten wird „mal eben kurz auf die Klasse aufzupassen“.

Dabei ist es unabdingbar, immer wieder Grenzen zu setzen und mit den Lehrkräften im Austausch zu stehen – denn schließlich ist man zum Dolmetschen da und nicht, um im Sportunterricht Hilfestellung zu leisten.

Doch nicht nur der Austausch mit den Lehrkräften ist enorm wichtig. Schon vor Beginn der Schulzeit sind Treffen mit den Eltern, dem Kind und den Beteiligten an der Schule nötig, um gleich von Anfang an eine Vertrauensbasis zu schaffen. Denn nur, wer den DolmetscherInnen vertraut, wird die Wissensvermittlung in ihre Hände geben oder ihnen die Tür zum eigenen Klassenraum öffnen. Das ist für die Lehrkräfte, die bislang immer mit der Kinderschaar allein waren, häufig eine ungewohnte Situation und bedarf vieler Rücksprachen, damit der Unterricht so gestaltet wird, dass er dolmetschfreundlich und visuell erfahrbar wird.

Gehen alle aufeinander ein, gelingt es meist schnell, den/die DolmetscherIn in den schulischen Alltag zu integrieren. „Die Kinder wachsen einem sehr ans Herz“ berichtet Frau Schulze – und umgekehrt stellt so manches Kind irgendwann erstaunt fest, dass die Parallelklasse ja gar keinen Dolmetscher hat! Das sei ja komisch…

Es ist schön zu beobachten, wie sich die hörenden Kinder auf die Gebärdensprache einlassen und es irgendwann völlig normal ist, dass jedes Kind eine eigene Namensgebärde hat und dass nicht nur im Unterricht, sondern auch bei Ausflügen und Klassenfahrten ein/e DolmetscherIn dabei ist.

Dennoch sollte man sich stets bewusst sein, dass die Inklusive Beschulung an gewissen Punkten an ihre Grenzen stößt. Die DolmetscherInnen sind schließlich nicht dafür ausgebildet, die sprachliche Entwicklung des Kindes beurteilen zu können. Außerdem fungieren sie automatisch als sprachliches Vorbild – und das, obwohl sie keine gebärdensprachlichen MuttersprachlerInnen sind. In Zukunft wäre die Zusammenarbeit mit gehörlosen Gebärdensprachdozierenden eine denkbare Ergänzung, um das Kind gezielt in der sprachlichen Entwicklung fördern zu können.