Fachvortrag an der Fakultät Interdisziplinäre Studien: Geburt und Zerstörung der europäischen tauben jüdischen Welt (Infrastruktur) im 19. Jahrhundert

Über 50 Interessierte, darunter vorrangig Gebärdensprachler/-innen, Gebärdensprachdolmetscher/-innen (auch solche, die es werden möchten) und einige hörende Menschen, kamen am 13.12. für einen besonderen Vortrag an der Hochschule Landshut zusammen.

Seit über 15 Jahren erforscht Mark Zaurov eine sogenannte „doppelte Minderheit“: jüdisch und taub. Er promoviert an der Universität Hamburg zu tauben Juden in Kunst, Politik und Wissenschaft mit Schwerpunkt auf deren Lebenswelt im 18.–21. Jahrhundert. Außerdem ist er Vorsitzender der Interessengemeinschaft Gehörloser jüdischer Abstammung in Deutschland e. V.
Nach einer herzlichen Begrüßung durch Frau Prof. Fries führte Herr Zaurov die Teilnehmenden in die Erkenntnisse seiner Studien ein. Wichtig ist dabei für ihn, kritisch als Insider zu forschen statt – wie so oft – ein Urteil aus Außensicht zu fällen. Er ist selbst in Russland geboren, wuchs in Israel auf und lebt heute in Deutschland. Alle Anwesenden folgten gebannt seinen Erzählungen und Ausführungen über transnational imagined hybrid communities, die vier Säulen der tauben jüdischen Welt und deren Blütezeit in den 30ern des 20. Jahrhunderts ebenso wie über einflussreiche Persönlichkeiten aus Kunst, Politik und Wissenschaft und deren Beiträge zur Gehörlosengemeinschaft und letztlich auch über das schmerzhafte Kapitel ihrer Zerstörung durch den Holocaust. Natürlich alles in Gebärdensprache.
15 Jahre Forschung mussten also in eine Stunde gepackt werden und am Ende war klar: Herr Zaurov hätte noch bis zum nächsten Morgen weitergebärden können und die Aufmerksamkeit wäre ihm sicher gewesen. Auch in der anschließenden Diskussion gelang ein reger Austausch zur Thematik. Viele Anwesende blieben auch nach der Vorlesung, um mit fliegenden Händen zu diskutieren. Wir hoffen, dass Herr Zaurov bald wieder die Hochschule Landshut besucht, um mit uns seinen endlos anmutenden Wissensschatz zu dieser interessanten Thematik zu teilen.
(Franziska Dommasch)