„Wir sind als Personen gewachsen“

Landshuter Studierende erzählen im Interview, wie sie ein Stipendium bekommen haben und wieso die ideelle Förderung so bedeutend ist

„Ein Stipendium ist nur etwas für Überflieger!“ Dieser Mythos kursiert allzu oft im Kreise der Studierenden. Dabei kommt es bei weitem nicht nur auf die Noten an. Auch wer keine 1,0 vorweisen kann, hat durchaus Chancen, in eines der Förderprogramme aufgenommen zu werden. Im Interview berichten die Landshuter Studierenden Clarissa Huber (Cusanuswerk), Franz Forster (Studienstiftung des deutschen Volkes) und Jessica Kutscher (Hanns-Seidel-Stiftung) von ihren Erfahrungen. Sie verraten außerdem, wie sie das Stipendium persönlich weiterentwickelt hat und von welcher ideellen Förderung sie profitiert haben.

Hochschule Landshut: Es gibt insgesamt 13 Stiftungen und Begabtenförderungswerke, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Eine große Auswahl. Wie sind Sie auf das Thema Stipendien aufmerksam geworden?
Clarissa Huber: Über den Bekanntenkreis. Ich kenne einige, die ein Stipendium bekommen oder sich auf eines beworben haben. Der Stipendieninfotag an der Hochschule war dann der Anlass, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen und es einfach einmal zu probieren.
Franz Forster: Mit dem Thema Talentförderung kam ich bereits in der gymnasialen Oberstufe in Berührung, zum Beispiel über „Jugend forscht“ oder die „Fraunhofer Talent School“. Nach dem Abitur hat mich mein Gymnasium schließlich für die Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen.
Jessica Kutscher: Mich hat eine befreundete Stipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung ermutigt, eine Bewerbung abzuschicken. Sie hat mich vor allem mit dem Argument überzeugt, dass ein Vorzeige-Notendurchschnitt nicht das ausschlaggebende Kriterium ist.

Der erste Schritt zum Stipendium ist eine gute Bewerbung. Wie läuft die genau ab?
Huber: Das ist von Förderwerk zu Förderwerk unterschiedlich. An das Cusanuswerk musste ich zunächst ein Motivationsschreiben, einen Lebenslauf und einen Notenüberblick senden. Für alle, die diese erste Runde überstehen, folgen noch zwei Empfehlungsschreiben von Professoren sowie ein Gespräch mit dem Hochschulseelsorger und einer Person des Cusanuswerks. Wer auch noch diese zweite Runde positiv durchläuft, ist offiziell aufgenommen.
Forster: Für die Aufnahme in die Förderung der Studienstiftung wird man in der Regel vorgeschlagen. Dies kann durch einen Schulvorschlag, einen Vorschlag durch das Prüfungsamt, durch Hochschuldozierende, oder durch eine Nominierung aufgrund besonderer Leistungen in Wettbewerben wie dem „Bundeswettbewerb Mathematik“ oder „Jugend forscht“ geschehen. Als weiterer Weg ist die Selbstbewerbung zu Beginn des Studiums möglich.
Kutscher: Die Bewerbungskriterien lassen sich auf den Webseiten der jeweiligen Förderwerke finden. Ich empfehle, sich auf jeden Fall mit anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten zuvor auszutauschen und von deren Erfahrung zu profitieren. Vor allem für das Auswahlverfahren, das auf eine erfolgreiche schriftliche Bewerbung folgt, ist das Goldwert. Dadurch konnte ich mich optimal auf die Auswahltagung der Hanns-Seidel-Stiftung im Kloster Banz vorbereiten.

Und welche Voraussetzungen sollte man für eine erfolgreiche Bewerbung unbedingt erfüllen?
Huber: Neben guten Noten ist für das Cusanuswerk vor allem ausschlaggebend, dass sich die Bewerberinnen und Bewerber ehrenamtlich engagieren, Mitglied der katholischen Kirche sind und sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Viel Wert wird außerdem auf interdisziplinäres Interesse und die Fähigkeit zur Selbst-Reflexion gelegt.
Forster: Außer hohen intellektuellen oder künstlerisch-kreativen Fähigkeiten zählen für die Studienstiftung des deutschen Volkes Leistungsbereitschaft und Motivation, soziale Kompetenz, breite außerfachliche Interessen sowie gesellschaftliches Engagement.
Kutscher: Wer sich für das Stipendium der Hanns-Seidel-Stiftung bewirbt, muss einen EU-Pass besitzen und in Deutschland immatrikuliert sein oder im Semester nach Bewerbungsschluss sein Studium beginnen. Wichtig ist außerdem, dass man noch mindestens drei Semester studiert. Einen speziellen Fokus legt die Hanns-Seidel-Stiftung auf Aktivitäten in politischen, kirchlichen oder sozialen Organisationen. Ich engagiere mich zum Beispiel ehrenamtlich als Jugendleiterin in der Kommunalen Jugendarbeit meiner Gemeinde und in der Hilfe für unbegleitete minderjährige Geflüchtete.

An der Hochschule gibt es viele Stellen, die die Stipendiatinnen und Stipendiaten unterstützen. Wie genau läuft die Betreuung ab?

Huber: Interner Ansprechpartner für das Cusanuswerk ist Hochschulseelsorger Alfons Hämmerl, der immer ein offenes Ohr für uns hat. Bei organisatorischen und administrativen Fragen ist auch die Studienberatung behilflich.
Forster: Die Betreuung am Hochschulort erfolgt zum einen durch Vertrauensdozierende, die in studienbezogenen, akademischen Angelegenheiten beratend zur Seite stehen. Zum anderen bilden Referentinnen und Referenten die Schnittstelle zur Stiftungsverwaltung und dienen als Ansprechpersonen für organisatorische Themen. Abhängig von der Anzahl der Stipendiatinnen und Stipendiaten am Hochschulort organisieren sich die Aktivitäten der Studienstiftung in Gruppen.
Kutscher: Prof. Dr. Markus Schmitt und Prof. Dr. Wilhelm Schönberger sind an der Hochschule Landshut die Vertrauensdozenten der Hanns-Seidel-Stiftung. Außerdem gibt es eine eigene Landshuter Hochschulgruppe. Jedes Semester werden hierfür zwei Sprecherinnen oder Sprecher gewählt, die bei Fragen zum Bewerbungsprozess und zur Stiftung unterstützen. Bei allgemeinen Themen gibt Frau Birgit Schnellinger von der Sozialberatung des Studentenwerks Niederbayern/Oberpfalz Auskunft.

Ein Stipendium ist nicht nur aus finanzieller Sicht wertvoll, sondern auch aus ideeller. Was nehmen Sie für die Zukunft mit?
Huber: Das Cusanuswerk bietet hier eine Vielzahl an wirklich tollen Erfahrungen – von einer jährlich stattfindenden Ferienakademie über spannende Fachvorträge und Diskussionsrunden bis hin zu Auslandsaufenthalten und Sprachkursen. Auch der Glaube erfährt beim Cusanuswerk eine sehr große Bedeutung. Der Umgang mit sich selbst und seinen Mitmenschen wird in verschiedenen Facetten beleuchtet.
Forster: Da die Studienstiftung des deutschen Volkes das größte Begabtenförderungswerk Deutschlands ist, bietet es zahlreiche Akademien an. Außerdem können die Stipendiatinnen und Stipendiaten an Sprachkursen in vielen europäischen Ländern teilnehmen sowie wissenschaftliche Kollegs, Seminare und weitere Veranstaltungen besuchen. Diese außeruniversitären Bildungsveranstaltungen haben meine Studienzeit sehr bereichert und werden mir immer als motivierende Ereignisse in Erinnerung bleiben.
Kutscher: Als Stipendiatin oder Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung erweitert man seinen Horizont in vielerlei Hinsicht, beispielsweise über Diskussionsrunden mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Werksführungen oder Museumsbesuche. Ich habe auch sehr von einem Rhetorikkurs profitiert. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass man sein Netzwerk enorm erweitern kann – vor allem für die berufliche Zukunft kann das viele Vorteile bringen.
 
Sie haben von Ihrem Stipendium sehr viel mitgenommen. Würden Sie es also auch weiterempfehlen? Wovon profitieren die Studierenden?
Huber: Ich kann jedem nur raten, sich für ein Förderprogramm zu bewerben. Durch mein Stipendium habe ich unglaublich viele nette und interessante Menschen aus den verschiedensten Fachbereichen kennengelernt. Ich konnte mein Wissen erweitern und als Person wachsen. Das Geld war für mich Nebensache, weil die wirkliche und nachhaltige Förderung im Zwischenmenschlichen passiert.
Forster: Die breite und – politisch wie konfessionell – unabhängige ideelle Förderung ist in meinen Augen die prägendste Komponente des Stipendiums der Studienstiftung. Ich konnte Kontakte mit vielen inspirierenden Menschen knüpfen und nachhaltig Motivation fürs Studium sammeln. Deshalb ermutige ich jeden, sich um eine Aufnahme in die Studienstiftung zu bemühen.
Kutscher: Ich habe mein Netzwerk stark ausgebaut, auch mit anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten. Nicht außer Acht zu lassen ist außerdem das umfassende Weiterbildungsangebot durch die ideelle Förderung, auf die ich vorher schon einmal eingegangen bin. Wer weltoffen und engagiert ist und an gesellschaftlichen Themen Interesse zeigt, dem kann ich ein Stipendium nur wärmstens empfehlen.

Info: Wer sich an der Hochschule Landshut über ein Stipendium informieren möchte, findet unter www.haw-landshut.de/stipendien eine hilfreiche Übersicht über die verschiedenen Angebote. Auch die verschiedenen Bewerbungsfristen sind dort aufgelistet.


Fotos: Jessica Kutscher, Franz Forster, Clarissa Huber
Interview: Thomas Kolbinger