Landshut goes Gender – Herausforderungen an die Berufsorientierung

Forschungsprojekt der Hochschule mit Fachtagung abgeschlossen

Zahlreiche Interessierte aus Wissenschaft, Sozialer Arbeit und Schule sowie Studierende nahmen an der Fachtagung „Landshut goes Gender“ im Audimax der Hochschule Landshut teil. Die Veranstaltung diente als Abschlusspunkt des Forschungsprojektes „Landshut goes Gender“, das seit Mai 2011 die Schnittstelle zwischen Schule und Studium beleuchtete sowie als Podium, um Informationen über gendersensible Berufsorientierung auszutauschen und zu diskutieren.   

Berufsorientierung von traditionellen Geschlechterbildern geprägt

Ganz gezielt ging es bei der Fachtagung um die Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Schule und Hochschule, die Phase der Berufsorientierung junger Menschen. Diese Phase ist nach wie vor stark von traditionellen Geschlechtermustern und –leitbildern geprägt. An der Hochschule Landshut zeigt sich dies in den Studierendenzahlen deutlich: an der Fakultät Soziale Arbeit sind 14 Prozent der Studierenden Männer, im Maschinenbau hingegen machen die Frauen 7 Prozent der Studierenden aus. „Das Ziel des Projektes war es, gemeinsam mit Landshuter Gymnasien Geschlechtermuster in der Berufswahl zu untersuchen und Anhaltspunkte zu finden, um deutlich mehr Schülerinnen und Schüler für genderuntypische Studiengänge zu gewinnen“, sagte Präsident Prof. Dr. Karl Stoffel während der Begrüßung zur Fachtagung. Die Einführung des Studiums Generale für alle Studierenden bei gleichzeitig starkem Zuwachs an der Hochschule Landshut zeige, dass die Ausrichtung auf Vielfalt und Diversität der richtige Weg sei, sagte der Präsident. „Die Hochschule versteht sich auch als Impulsgeber und versucht, durch Kooperationen mit Landshuter Schulen, Mentoring Programme, Boys‘ und Girls‘ Days und Studienberatung frühzeitig in der Phase der beruflichen Orientierung zu unterstützen“. Ministerialrat Dr. Ulrich Seiser, Leiter des Referates für Pädagogische Grundsatzfragen im Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst stellte fest, dass beim Thema Gender einiges in Bewegung gekommen, aber auch vieles noch beim Alten geblieben sei. Mädchen setzten zu oft ihren Vorsprung in der Schulbildung bei der Berufswahl nicht um, sagte Dr. Seiser, Ansätze über Praxis-Seminare dies aufzubrechen, griffen bisher noch nicht.                               

                      Berufsorientierung höchst individueller Prozess

Die Leiterin des Forschungsprojektes „Landshut goes Gender“, Prof. Dr. Barbara Thiessen von der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut dankte dem Forschungsteam um Dr. Inken Tremel, und stellte die erste Referentin vor. „Ob Gendersensible Berufsorientierung eher Programm als Realität ist“, fragte Prof. Dr. Hannelore Faulstich-Wieland von der Universität Hamburg in ihrem Fachvortrag. „Es ist notwendig, die Geschlechter bei Berufsorientierung im Blick zu haben, weil es deutliche Diskrepanzen zwischen Berufswünschen und Berufsausübung gibt“, sagte Prof. Dr. Faulstich-Wieland. Die Phase der Berufsorientierung sei nicht ausreichend untersucht, es gebe wenige Studien, die schulischen Maßnahmen seien wenig koordiniert, es gebe kaum systematische Konzepte. „Dabei ist die Berufsorientierung ein hochgradig individueller Prozess. Eine aktive Beteiligung an Projekten und Praktika fördert deutlich das Interesse für genderuntypische Berufsfelder“, berichtete Prof. Dr. Faulstich-Wieland.

                           Genderkompetenz entwickeln

Diplomsozialpädagoge Gregor Prüfer, Fortbildungsreferent für das Thema Gender, widmete sich dem Thema „Gender und Schule – Warum es sich lohnt, sich als Lehrkraft auch noch mit diesem Thema zu beschäftigen“. Er stellte das theoretische Modell einer geschlechtergerechten Schule vor, die gleiche Chancen und Rechte für Jungen und Mädchen biete, für Ausgleich, Gleichberechtigung und Abbau von Stereotypen sorge, individuelle Interessen und Lernstrategien berücksichtige und den Blick auf die Vielfalt unter Jungen und Mädchen richte. Eine geschlechtergerechte Schule optimiere die Entwicklungspotentiale beider Geschlechter. Er riet Lehrkräften, sich Verbündete im Genderthema zu suchen. „Lehrende verfügen nicht einfach über Fähigkeiten, geschlechtergerecht zu handeln, sie müssen Genderkompetenz entwickeln“, sagte Prüfer.

                             Vielfalt als Chance

Dr. Nicole Auferkorte-Michaelis von der Universität Duisburg-Essen sprach zum Thema „Gender und Diversität: Indikatoren für gute Lehre“. In einem Speed-Dialog mit den Gästen im Audimax erarbeitete die Referentin Antworten auf die Frage „was macht Heterogenität, Vielfalt, Diversität in Ihrem Umfeld aus? Welche Genderaspekte sehen Sie?“. Ergebnis war, dass bei Studierenden höhere Vielfalt herrsche als bei Lehrenden, diese die Vielfalt jedoch als Chance sehen. Wenn „untypische“ Studiengänge steigenden Frauenanteil auswiesen, sei dies der Struktur der Studiengänge geschuldet.
In der anschließenden Diskussionsrunde mit den drei Referent/-innen wurden vor allem Angebote für Schulen angefragt und Möglichkeiten, Mädchen für den MINT (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik)-Bereich zu interessieren. Wichtig sei hier, Angebote und Praktika offenzuhalten, die Einblicke in verschiedene Handlungsfelder ermöglichten, ohne Geschlechterdifferenzen zu betonen.

                          Dramatisierung des Geschlechts

Denn eine Dramatisierung des Geschlechts, so berichtete Dr. Inken Tremel in der Präsentation der Forschungsergebnisse der Studie „Landshut goes Gender“, bestätige nur Stereotype. Bei Girls oder Boys Day und Studieninformationsveranstaltungen werde häufig „Ungewöhnliches“ hervorgehoben und dramatisiert. Jungen würden „verniedlicht“, wenn sie sich für genderuntypische Tätigkeiten interessierten, berichtete Tremel. So sehen die untersuchten Gymnasiast/-innen zum Beispiel Sensibilität bei Mädchen als angeboren, bei Jungen wird dies als eine „besondere Kompetenz“ eingeschätzt.

                       Mitarbeit der Gymnasien an Forschungsprojekt

Während der Forschungsstudie hat die Fakultät Soziale Arbeit mit drei Landshuter Gymnasien zusammengearbeitet und eine Gruppendiskussion mit Lehrkräften, zwei Fragebogenaktionen mit Schüler/-innen und eine Unterrichtsbeobachtung durchgeführt. Beiden Geschlechtern gleich wichtig sei, bei der Berufswahl etwas „Stimmiges“ für sich selbst zu finden. „Berufsorientierung ist also ein wichtiger Teil der Identitätsentwicklung“, sagte Dr. Inken Tremel. Die Lehrkräfte seien bei der Berufsorientierung zwar durchaus anwaltlich an Seite der Schüler/-innen, hätten jedoch wenig Praxiswissen über die verschiedenen Berufe. Im Unterricht finde kaum Reflexion über Geschlechtertypisierung statt. „Gerade die Berufsorientierung ist immer mit Annahmen über Geschlechterdifferenzen unterlegt und Lehrkräfte sind selbst eingebunden in eine traditionelle Geschlechterordnung“, so Dr. Inken Tremel.  

                   Handlungsbedarf bei der Berufsorientierung

Hochschule und Schule hätten bezüglich der Gendergerechtigkeit ähnliche Herausforderungen, so das Ergebnis der Studie. Das Thema Gender zu entdramatisieren sei ein wichtiger Schritt. Gendersensibilität im Allgemeinen und die Phase der Berufsorientierung bräuchten zudem mehr Reflexivität, denn die Schulzeit sei ein Gelegenheitsfenster im komplexen Geschehen der Berufsorientierung. „Wir brauchen eine Dialogkultur zum Thema Gender und müssen bedarfsorientierte Angebote für die Phase der Berufsorientierung entwickeln“, sagte abschließend Prof. Dr. Barbara Thiessen.