Aus der Werkstatt in den Hörsaal

Studierende mit Meistertitel sind motiviert und profitieren von ihrer Praxiserfahrung. Durch die Reform des bayerischen Hochschulgesetzes ist es seit 2009 möglich, mit einem Meister- oder Gesellenabschluss zu studieren. Derzeit sind 82 von insgesamt 4313 Studenten aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation an der Hochschule Landshut eingeschrieben. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Berufen. Was sie alle gemeinsam haben, ist ihre große Motivation und der Wunsch, durch das Studium beruflich weiterzukommen.

Olivian Niga aus Ingolstadt studiert seit September 2012 Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Landshut. Das Studium ist für ihn der Höhepunkt einer kontinuierlichen Weiterbildung. Nach seinem qualifizierten Hauptschulabschluss machte er eine Ausbildung zum Blechbearbeitungs- und Metallbauer der Fachrichtung Konstruktionstechnik bei einer Firma in Ingolstadt. „Als der Blaumann am Ende des Tages ganz schwarz war, habe ich mir gedacht: ‚Das willst du doch nicht die nächsten 40 Jahre lang machen‘“, erzählt der heute 29-Jährige. Also absolvierte er die Fortbildung zum Industriemeister Metall und zum Betriebswirt IHK – beide berufsbegleitend. Seit 2008 arbeitet er bei Audi, wo er jetzt Kommissarischer Gruppenleiter ist.

„Eine gute Ausbildung ist für mich das Fundament, um beruflich weiterzukommen“, sagt Niga. Den Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen wählte er, weil er seine Kenntnisse aus Technik und Betriebswirtschaftslehre anwenden kann und später beruflich breitgefächert einsetzbar ist. Außerdem ist Wirtschaftsingenieurwesen der einzige Studiengang, der an der Hochschule Landshut berufsbegleitend angeboten wird. „Ich muss mein Haus abbezahlen, also wäre für mich ein Vollzeitstudiengang gar nicht in Frage gekommen.“

Im berufsbegleitenden Bachelorstudiengang Wirtschaftsingenieurwesen sind 23 von insgesamt 48 Studierenden mit beruflicher Qualifikation eingeschrieben. Das entspricht einem Anteil von rund 48 Prozent. Freitagnachmittags und samstags hat Niga Vorlesungen. Am Sonntag lernt er oft. „Viel Freizeit bleibt da nicht“, sagt Niga. Er hat sich darauf eingestellt, dass er in den nächsten Jahren auf seine Hobbys Reisen, Fußball und Fitness verzichten muss. „Mein Hobby ist jetzt das Studium.“

Einen Studienkollegen kennt er bereits aus seiner Weiterbildung zum IHK-Betriebswirt. Mit ihm und anderen Studienkollegen hat er eine Lerngruppe. „Das motiviert, denn, wenn einer mal einen Durchhänger hat, baut ihn der Rest der Gruppe auf.“ Unterstützung bekommt er nicht nur von seinen Kommilitonen, sondern auch vom Arbeitgeber. „Ich kann die Schichten auf meine Vorlesungen abstimmen und mir vor Prüfungen freinehmen.“ Außerdem erhält er zehn zusätzliche freie Tage als Bildungsurlaub.

Die Prüfungen am Ende des ersten Semesters sind für Niga gut gelaufen: „Ich habe mich vor allem auf die Fächer Elektrotechnik und Mathematik konzentriert, weil mir da viele Grundlagen fehlen.“

In Mathe und Deutsch hapert es oft noch

Da ist Niga bei den Studenten ohne Abitur kein Einzelfall. „Den meisten fehlen Oberstufenkenntnisse in Mathematik und Deutsch“, sagt Volker Stieg, Leiter des Instituts für Weiterbildung der Hochschule Landshut (siehe Artikel unten). Stattdessen punkten die studierenden Meister, Gesellen, Absolventen von Fachschulen oder -akademien mit einem sehr großen Vorsprung auf praktischer Seite. Und laut Stieg fallen auch ihre Prüfungen besser aus als bei den Studenten, die ganz ohne Berufserfahrung von Gymnasium, FOS und BOS kommen und ein Studium beginnen. „Wir vermuten, dass durch die praktische Berufserfahrung das technisch Erlernte besser verankert wird.“ Weitere Gründe für den größeren Erfolg seien eine höhere Zielorientierung und Motivation.

Tobias Aulinger aus Fürstenstein studiert im sechsten Semester Maschinenbau als Vollzeitstudiengang. Der 30-Jährige ist überzeugt, dass sich auch seine Lebenserfahrung auszahlt: „Man ist älter als die meisten Kommilitonen, hat schon einen Beruf gehabt, ist näher dran an der Materie und denkt immer schon ein bisschen weiter.“ Auch sein Umgang mit Kunden hilft ihm weiter. „Ich scheue mich nicht davor, auf die Professoren zuzugehen“, sagt er. Durch direkte Kontaktaufnahme ist er auch hilfswissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Nutzfahrzeugtechnik geworden.

Die meisten, die sich nach jahrelanger Berufserfahrung noch zu einem Studium entschließen, sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. „Ich würde aber niemandem, der mit 50 Jahren noch ein Studium aufnehmen will, das ausreden“, sagt Stieg. Schließlich sei ein Studium immer auch Teil der Persönlichkeitsentwicklung.

Aulinger hat sich auch deshalb für ein Studium entschlossen, weil ihm die beruflichen Perspektiven fehlten. Nach der Mittleren Reife lernte er bei BMW Kfz-Elektriker und machte anschließend seinen Meister. Trotz des Meistertitels kam er beruflich nicht weiter. „Ich steckte irgendwie am Fließband fest und drehte mich im Kreis“, sagt Aulinger. Deshalb bewarb er sich beim TÜV. „Die haben mich dann unter der Voraussetzung genommen, dass ich Automobil- und Nutzfahrzeugtechnik studiere und während der Semesterferien bei ihnen arbeite.“

Weil er am Prüfungsfach Dynamik scheiterte, musste er das Automobiltechnikstudium an den Nagel hängen. Die Professoren motivierten ihn, zur Fachrichtung Maschinenbau zu wechseln. „Das Gute an einer kleinen Hochschule wie Landshut ist, dass man einen direkten Zugang zu den Professoren hat, die sich um jeden Einzelnen bemühen“, sagt Aulinger.

Die meisten seiner Kommilitonen und auch die WG-Mitbewohner sind jünger als er, was ihn nicht stört. Belastender seien die finanziellen Einbußen. Er komme gerade so über die Runden, obwohl er beim TÜV arbeitet. „Wenn man dann sieht, dass andere in meinem Alter ein Haus bauen oder eine Familie gründen, nagt das schon an einem.“

Trotz des Verzichts auf Freizeit und Geld haben Niga und Aulinger ihr Studium noch nie bereut. Aulinger möchte in der Automobilbranche bleiben und würde auch ins Ausland gehen. Niga ist sich noch nicht so sicher: „Ab dem sechsten Semester muss ich mich spezialisieren, dann werde ich sehen, in welche Richtung es geht.“

Quelle: Landshuter Zeitung, Alexandra Beck